Werkrealschule

Aus SPD Baden-Württemberg
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Beschluss des Juso-Landesausschusses vom 13. Dezember 2009


Neue Werkrealschule – Neue bildungspolitische Sackgasse

Die Jusos Baden-Württemberg lehnen das Konzept einer neuen Werkrealschule, wie sie nun seit dem 30. Juli 2009 im Schulgesetz verankert ist, ab. Die geplante Stärkung der Hauptschulen wird mit diesem neuen Schulkonzept nicht erreicht. Für die Kommunen wird es aufgrund der geforderten Zweizügigkeit schwierig werden, ihre Hauptschulstandorte zu bewahren. Diese Reform der Hauptschule und die damit verbundene Neudefinierung der Werkrealschule ist lediglich eine Mehrbelastung der SchülerInnen und LehrerInnen, beinhaltet keine zusätzliche Förderung und baut stabile schulische Beziehungen ab. Schwächere SchülerInnen werden bei diesem Konzept unzureichend berücksichtigt.

Die Landesregierung wälzt die Verantwortung für die Einrichtung von Werkrealschulen auf die Gemeinderäte ab. Die Beantragung einer solchen Schule ist zwar prinzipiell jederzeit möglich, allerdings lediglich an zweizügigen Hauptschulen und an bereits bestehenden Werkrealschulen alten Modells. Da jedoch lediglich 400 der knapp 1.200 Hauptschulen diesem Kriterium der Zweizügigkeit entsprechen, erübrigt sich diese Entscheidung meist schnell.

Einzügige Hauptschulen werden mit diesem Modell aber längerfristig ihren Standort verlieren und eine Verlagerung von kleineren Schulstandorten mit Hauptschulen auf Schulzentren bzw. größere Städte mit Werkrealschulen ist die Folge, da es sich freilich den Eltern nicht verwehren lässt, ihre Kinder zur Schulform ihrer Wahl zu schicken. Dadurch ist eine flächendeckende Versorgung durch Bildungseinrichtungen – vor allem im ländlichen Raum – langfristig nicht gesichert. Dies bedeutet nicht nur längere Fahrtzeiten für die SchülerInnen, sondern auch eine zusätzliche Belastung für die Eltern. Wir befürchten, dass dadurch die soziale Segregation weiter befördert wird.

Die einzügigen Hauptschulen werden zwar in der Theorie weiterhin bestehen, in der Praxis werden diese aber über kurz oder lang aufgrund der geringen Nachfrage geschlossen werden. Hinzu kommt, dass sie sich inhaltlich der neuen Werkrealschule anpassen müssen. Zudem werden bei der Grundschulempfehlung Haupt- und neue Werkrealschule gleichgesetzt. Die meisten Eltern werden ihre Kinder jedoch lieber auf eine Werkrealschule als auf eine reine Hauptschule schicken, was die negative Tendenz der SchülerInnen-Zahlen an Hauptschulen noch verstärken wird.

Wir fordern eine Beibehaltung der dezentralen Schulstandorte, um möglichst wohnortnahe Schulen gewährleisten zu können. Jede/r Schüler/in muss die Möglichkeit haben, eine Schule vor Ort zu besuchen, ohne lange Schulwege zurücklegen zu müssen.

Die Gleichsetzung bei der Grundschulempfehlung macht aber auch klar, wie der Werkrealschulabschluss zählt. Er kann nicht mit dem „richtigen“ Realschulabschluss gleichgesetzt werden, sondern ist lediglich ein neu betitelter Hauptschulabschluss.

Des Weiteren ist eine Gleichstellung der Werkrealschule mit der Realschule schon deshalb praktisch nicht zu realisieren, weil die SchülerInnen ab der 8. Klasse ergänzend zum normalen Unter-richt ein Wahlpflichtfach besuchen, das zusätzliche Zeit in Anspruch nimmt, und ab der 10. Klasse 40 Prozent des Unterrichts in Berufsschulen stattfindet. Der Unterricht an den Berufsschulen soll den SchülerInnen berufspraktische Inhalte vermitteln, er wird aber dafür sorgen, dass die Zeit für den allgemein bildenden Teil enorm verkürzt wird. Das sorgt dafür, dass die SchülerInnen in einer deutlich kürzeren Zeit als reguläre RealschülerInnen einen gleichwertigen Abschluss schaffen sollen. Wie das möglich sein soll, wird man in der Praxis keinem Betrieb vermitteln können, zumal die Anerkennung der Werkrealschule heute schon schlecht ist.

Zudem haben HauptschulabsolventInnen ohnehin schon die Möglichkeit, im Anschluss eine zweijährige Berufsfachschule oder die bisher schon bestehende Werkrealschule zu besuchen. Die neue Werkrealschule führt demnach zu keinerlei Verbesserung und ist lediglich ein weiteres Konstrukt um das konservative Bildungssystem am Leben zu halten.

Um eine tatsächliche Verbesserung des Bildungssystems in Baden-Württemberg zu erlangen, fordern wir Jusos die Einführung einer 10-jährigen Basisschule. Dies wäre nicht nur unter pädagogi-schen Gesichtspunkten sinnvoll, sondern würde zudem eine Standortsicherung in vielen kleineren Gemeinden bedeuten. An diesen Schulen sollen dann SchülerInnen von der Grundschule bis zur 10. Klasse teilweise in gemeinsamen Klassen, teilweise in unterschiedlichen Kursen unterrichtet werden. Die Gesamtschulen sollen in allen Städten eingerichtet werden und die existierenden Grund-, Haupt-, Real- und Werkrealschulen ganz, sowie die Gymnasien zum Teil ersetzen.

Die Jusos fordern eine solche 10-jährige Basisschule auf längere Sicht gesehen. Kurzfristig wäre es schon ein Fortschritt, § 22 des Schulgesetzes dahin gehend zu ändern, dass Schulträger in Zukunft eigenständig darüber entscheiden können, ob sie einzelne bestehende Schulformen einführen wollen, oder ob sie diese in einer Gesamtschule kombinieren möchten.