Weg mit dem Binnenkonsens - Keine Bevorteilung von Homöopathie

Aus SPD Baden-Württemberg
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Die Jusos Baden-Württemberg bekräftigen ihre beim Landesausschuss am 11.03.2018 getroffenen Beschlüsse für ein evidenzbasiertes Gesundheitssystem. Insbesondere halten sie an der Forderung fest, dass Homöopathika nicht von gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden und auf den Packungen solcher Mittel ein Hinweis abgedruckt sein muss, der die Verbraucher*innen darüber aufklärt, dass es sich nicht um Medizin handelt.

Darüber hinaus fordern die Jusos Baden-Württemberg, die Bevorteilung homöopathischer Mittel im Arzneimittelgesetz zu beenden. Insbesondere lehnen wir den sogenannten "Binnenkonsens", also die Zulassung homöopathischer Mittel ohne wissenschaftliche Evaluierung unter Beachtung von durch Homöopath*innen festgesetzte Kriterien ab. Homöopathika sollen - wie jedes andere Arzneimittel auch - ein wissenschaftliches Verfahren zur Ermittlung ihrer Wirksamkeit über den Placeboeffekt hinaus durchlaufen müssen, um eine Zulassung als Arzneimittel zu erhalten. Damit stellen sich die Jusos Baden-Württemberg an die Seite der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V., die in ihrer Grundsatzentscheidung vom 01.06.2020 ebendiese Forderungen erheben.

Sollte die Wirksamkeit von Homöopathika - wie in den vergangenen 226 Jahren seit 1796 - nicht erwiesen werden können, sollen sie nicht als Arzneimittel zugelassen werden und sich auch nicht als solche bezeichnen dürfen. Die dadurch entfallende Apothekenpflicht ermöglicht es dann, dass Homöopathika gleich Nahrungsergänzungsmitteln in Supermärkten verkauft werden können, damit Verbraucher*innen nicht weiter vorgetäuscht wird, es handle sich um eine der Pharmakologie gleichgestellte oder eine wirksame Behandlungsmethode.

Soweit die Richtlinien 2001/83 und 2004/27 der Europäischen Union der Umsetzung dieser Forderungen entgegenstehen, fordern die Jusos Baden-Württemberg die S&D-Fraktion im Europäischen Parlament dazu auf, eine Aufhebung bzw.entsprechende Novellierung der Richtlinie anzustreben.

Begründung

Als das Arzneimittelgesetz 1970 aufgrund katastrophaler Nebenwirkungen nicht hinreichend getesteter Arzneimittel reformiert und ein wissenschaftliches Zulassungsverfahren eingeführtwerden sollte, gerieten Homöopath*innen deutschlandweit ins Schwitzen. Denn neben Tests über Nebenwirkungen und eine Überprüfung der Herstellungsverfahren der Arzneimittel sollte nun auch getestet werden, ob sie überhaupt wirksam sind. Ein Arzneimittel, das nicht gegen die Krankheit hilft, auf die es abzielt, sollte fortan nicht mehr zugelassen werden. Ein solches wissenschaftliches Verfahren sieht Einbeziehung einer Kontrollgruppe vor, die nur Globuli, also Präparate ohne Wirkstoff, erhält. So soll untersucht werden, ob der untersuchte Wirkstoff wirkt oder nur ein - real existierender und gut erforschter - Placeboeffekt für die Verbesserung der Situation der Testpersonen verantwortlich ist.

Die Panik der Homöopath*innen rührte daher, dass es in ihrer bis dahin immerhin 176 Jahre alten glorreichen Geschichte noch niemandem gelungen war, einen Wirksamkeitsbeweis für homöopathische Behandlungsmethoden zu erbringen; kein den Regeln der Homöopathie zufolge verarbeiteter Wirkstoff hatte jemals eine Wirkung über den Placeboeffekt hinaus gehabt.

Das mag daran liegen, dass homöopathische Arzneimittel - in Abgrenzung zu anderen, oft mit der Homöopathie verwechselten Behandlungsmethoden wie der Pflanzenheilkunde - in ihren gängigen Formen keine nachweisbaren Anteile des aufgeführten Wirkstoffes mehr enthalten. Ein homöopathisches Arzneimittel wird hergestellt, indem der ursprünglich tatsächlich existente Wirkstoff (korrekterweise müsste von Gift gesprochen werden, da die Homöopathie davon ausgeht, dass ein Symptom geheilt werden kann, indem ein Wirkstoff "verwendet" wird, der ebendieses Symptom auslöst) zunächst in eine Wasserlösung gegeben wird. Diese Lösung wird zehn Mal auf einen gepolsterten Tisch geschlagen (bitte seht euch Videos dazu an, es ist großartig). Sodann wird ein Zehntel dieser Lösung genommen und mit 9/10 Wasser vermengt. Dieser Vorgang nennt sich Potenzierung. Er wird bei den gängigsten Homöopathika 6 bis 12 Mal wiederholt. Der homöopathische Glaube besagt, dass durch das Schütteln die "Informationen" auf das Wasser übergehen, welches diese dann an den Körper weitergibt. Wie mensch auf solche Ideen kommt, entzieht sich leider der Kenntnis der Mitglieder der Antragstellerin.

Dass homöopathische Arzneimittel nicht über den Placeboeffekt hinaus wirksam sind, sollte bei dieser Herstellungsmethode keine Verwunderung auslösen. Die Homöopath*innen sahen das 1970 offenbar ähnlich, denn sie sammelten alle profitierenden Lobbygruppen der Homöopathie und die einiger anderer ebenso abstruser "Heilmethoden" um sich, um eine Zulassung als Arzneimittel ohne Wirksamkeitstest zu erhalten. Es scheint, als hätte mensch nicht genug Vertrauen in den Glauben der eigenen Kund*innen gehabt, um auch ohne Zulassung und Apothekenpflicht genügend Profite erwirtschaften zu können. Das Ergebnis dieser Bemühungen jedenfalls ist in der aktuellen Fassung des Arzneimittelgesetzes zu beobachten:

Homöopathika werden als Arzneimittel zugelassen, ohne einen Wirksamkeitsnachweis erbringen zu müssen. Als Kirsche auf der homöopathischen Zuckertorte kontrolliert die Zulassungsbehörde sogar, ob die Regeln der homöopathischen Herstellungsmethode eingehalten wurden. Weil das aber nicht genug Hohn für die Wissenschaft bedeutet, ist sogar ein "wissenschaftliches" (hier im Sinne von "unwissenschaftliches") Verfahren vorgesehen, wonach Homöopathika anhand von Kriterien, die von Homöopath*innen festgelegt wurden, als - jedenfalls im rechtlichen Sinne - Arzneimittel zugelassen werden.

All das spülte 2018 bei 54 Millionen verkauften Packungen ganze 670 Millionen Euro Umsatz in die Kassen der Homöopath*innen und Apotheken. Letztere profitieren von der Apothekenpflicht derHomöopathika, da sie bei diesen im Schnitt 30-36% Gewinn erzielten können, bei wirksamen Arzneimitteln hingegen nur 20%. Das ist nicht verwunderlich, verwenden doch 56% der Besservierdienenden in Deutschland regelmäßig Homöopathie.

Das Format der Begründung mag ein wenig eigenartig sein. Es rührt daher, dass eine Erörterung von Pro und Contra der oben augeführten Forderung nicht möglich ist. Die Homöopathie bekommt, was sie angeblich schon immer wollte: Sie wird der Pharmakologie gleichgestellt. Mit allen Folgen. Die Entscheidungsfreiheit homöopathiegläubiger Menschen wird nicht eingeschränkt, im Gegenteil: Sie können sich ihren Zucker im Supermarkt kaufen, wie anderen Zucker auch.

Dafür werden über die Herstellungsmethode der Homöopathie uninformierte oder von ihrem Arzt des Vertrauens beeinflusste Menschen nicht mehr systematisch betrogen und so zumindest in ihrem Vermögen, teilweise aber auch in ihrer Gesundheit geschädigt. Über den Placeboeffekt wissende Menschen können sich zu geringen Preisen Globuli in Supermärkten kaufen und verantwortungsbewusst anwenden.

Alle gewinnen, niemand verliert. Niemand außer denjenigen, die mit systematischem Betrug, hocheffizientem Lobbyismus und skrupelloser Falschinformation ihre Taschen füllen.