Unsere Forderungen für ein erfolgreiches Schuljahr 2020/2021

Aus SPD Baden-Württemberg
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Die Corona-Pandemie hat Kultusministerien, Lehrkräfte, Schüler*innen und Eltern vor enorme Herausforderungen gestellt – und wird dies auch weiterhin tun. Schulschließungen, digitaler Fernunterricht und Homeschooling waren notwendig, haben jedoch Bildungsungleichheiten verstärkt und die Mängel unseres Bildungssystems offenbart. Vorgaben und Krisenmanagement der Landesregierung und des Kultusministeriums waren an vielen Stellen unzureichend, Bildungsungerechtigkeiten wurden willentlich in Kauf genommen.

Im kommenden Schuljahr muss sich im bildungspolitischen Krisenmanagement genauso wie in unseren Schulen vieles ändern. Es gilt, auf die Bedürfnisse von Schüler*innen, Lehrkräften und Eltern Rücksicht zu nehmen. Deshalb begrüßen wir es, dass das Kultusministerium nun einen langfristigen Plan für den Regelbetrieb an Schulen vorgelegt hat. Eine vorausschauende Planung, die auch unter schwierigen Bedingungen notwendig ist, hat Kultusministerin Eisenmann in den vergangenen Monaten leider viel zu oft vermissen lassen. Aber auch das Konzept für einen Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen an den auf der Grundschule aufbauenden Schularten in Baden-Württemberg ist an einigen Stellen unzureichend. Wir fordern eine Reihe von Modifizierungen und Verbesserungen, damit im kommenden Schuljahr alle Schüler*innen die gleichen Chancen, alle Lehrkräfte einen guten Gesundheitsschutz und alle Eltern die notwendigen Entlastungen haben.

Digitalisierung: Nicht nur sofort, sondern auch nachhaltig

Das Sofortprogramm der Landesregierung für den Erwerb digitaler Geräte, die Schüler*innen als Leihgeräte zur Verfügung gestellt werden sollen, war dringend notwendig. Die Initiative hierfür geht jedoch auf die SPD in der Bundesregierung zurück, die mit 500 Millionen Euro bedürftige Schüler*innen beim Erwerb von Tablets und Laptops finanziell unterstützt und Online-Lehrangebote ausbaut. Die grün-schwarze Landesregierung hat es vielmehr jahrelang nicht verstanden, dass Digitalisierung mehr als ein Smartboard im Klassenzimmer bedeutet. Die im Konzept für den Regelbetrieb festgelegten Qualitätskriterien für digitalen Fernunterricht sind deshalb unerlässlich, kommen aber wie so oft zu spät.

Sollte innerhalb der weniger als zwei verbleibenden Monate bis zum Start des neuen Schuljahres eine Anschaffung der notwendigen Endgeräte durch die erforderlichen Ausschreibungsprozesse, eventuellen Lieferengpässe sowie zu erwartenden Preiserhöhungen aufgrund des gesteigerten Bedarfs nicht gelingen, muss das Land die Verantwortung für die anfallenden Kosten einer sinnvollen Alternative tragen, bis die Schulen einen angemessenen digitalen Zugang ermöglichen können.

Doch dieser Digitalisierungsschub darf nicht im Sande versickern. Es braucht nachhaltige Konzepte, die dauerhaft finanziert werden. Leihgeräte, Online-Plattformen und digitale Lerninhalte müssen integraler Bestandteil der deutschen Bildungslandschaft sein. So werden durch das Sofortprogramm zwar die anfänglichen Kosten abgedeckt, allerdings ist es zwingend notwendig, dass auch die Mittel für die Instandhaltung und den technischen Support vonseiten des Landes (und des Bundes) bezuschusst werden. Die Schulträger dürfen mit den langfristig entstehenden Kosten nicht allein gelassen werden. Auch der Digitalpakt ist dahingehend schrittweise zu ändern, sodass neben der digitalen Ausrüstung der Schulen selbst, die bisher im Vordergrund stand, auch digitale Lernplattformen, digitale Unterrichtsmodelle wie Flip the classroom und die Weiterfinanzierung mobiler Leihgeräte stärker gefördert werden. Klar ist aber auch: digitale Klassenzimmer und der Internetanschluss von Schulen haben Priorität. Der in den letzten Jahren stark vernachlässigte Ausbau des Breitbandes, gerade in ländlichen Räumen, muss viel mehr in den Blick genommen werden. Wir brauchen eine forcierte Digitalisierung mit Augenmaß, denn die Corona-Krise hat gezeigt, dass sie Unterricht nur verbessern und ergänzen, nicht aber vollständig ersetzen kann.

Individuelle Förderangebote statt unzureichende ‚Lernbrücken‘'

Es ist richtig, die Schulen und Lehrkräfte nur zum Kerncurriculum zu verpflichten und damit den obligatorischen Lernstoff um ungefähr ein Viertel zu reduzieren. Jedoch wird auch diese ‚Bildungsplanentschlackung‘ erhebliche Herausforderungen mit sich bringen, schließlich werden sich durch die anstehenden Lernstandserhebungen bei einigen Klassen und Schüler*innen voraussichtlich erheblich Defizite aufzeigen. Wir fordern deshalb individuelle Förderangebote, die über die geplanten ‚Lernbrücken‘ in den letzten beiden Wochen der Sommerferien hinausgehen.

Um den Schüler*innen eine angemessene Möglichkeit zu bieten, Lernstoff und zu wiederholen, sowie eine individuelle Förderung zu ermöglichen, muss das Land Baden-Württemberg ein individuelles Förderprogramm für die Schüler*innen im Rahmen des (gesamten) Schuljahres 2020/2021 vorlegen. Neben den beiden Fächern Mathematik und Deutsch sollte dieses Förderprogramm auch weitere Fächer miteinbeziehen. Eine Kooperation verschiedener Schulen ist wünschenswert, kleine Gruppengrößen sind aus Infektionsschutz- als auch Förderungsgründen anzustreben. Es lohnt sich, auch im kommenden Schuljahr über einen ‚Rettungsschirm‘ für Nachhilfe, wie ihn die SPD-Landtagsfraktion Baden-Württemberg schon vor Monaten gefordert hat, oder andere weitere dauerhafte Fördermöglichkeiten nachzudenken.

Schulbesuchspflicht aufrechterhalten, Attestpflicht einführen

Die Aufhebung der Schulbesuchspflicht kritisieren wir scharf. Sie folgt einem falschen Freiheitsbegriff und es verwundert, dass gerade das konservativ geführte Kultusministerium diese Aufhebung vornimmt. Zudem steigt damit die Belastung der Lehrkräfte, denn neben dem normalen Unterricht im Klassenzimmer müssen entsprechende Schüler*innen aus der Ferne mitlernen. Kultusministerin Eisenmann nimmt willentlich in Kauf, dass Bildungsungleichheiten und suboptimale Förderung, über die in den vergangenen Monaten ausgiebig diskutiert wurde und die gerade die Rückkehr in den angepassten Regelbetrieb beheben sollte, erneut entstehen und institutionalisiert werden. Auch im Hinblick auf die soziale, motivationale und emotionale Entwicklung ist die Teilnahme von Schüler*innen am Regelunterricht essenziell. Eine formlose Abmeldung vom Schulbetrieb ohne Begründung lehnen wir deshalb vehement ab. Zugleich erkennen wir die Sorgen der Eltern um die Gesundheit der Kinder an, deshalb unterstützen wir das Vorhaben, dass Eltern ihr Kind aufgrund einer relevanten Vorerkrankung unbürokratisch und ohne Attest von der Teilnahme am Unterricht entschuldigen können. In begründeten Einzelfällen soll es aus unserer Sicht den Schulen jedoch möglich sein, ein entsprechendes Attest zu verlangen.

Mehrtägige außerunterrichtliche Veranstaltungen sollten, sofern sie unter den jeweils geltenden Hygiene- und Abstandsregeln stattfinden und das Infektionsgeschehen dies zulässt, für das zweite Halbjahr erlaubt werden.

Gesundheitsschutz bestmöglich gewährleisten

Der Schutz der Gesundheit aller Beteiligten hat für uns oberste Priorität. Wir begrüßen deshalb die Entscheidung der Landesregierung, außerhalb der Klassenzimmer im Schulgebäude weiterführender Schulen eine Maskenpflicht einzuführen. Nichtsdestotrotz stehen die Schulen in der Pflicht, möglichst separate Wege für verschiedene Klassen innerhalb des Gebäudes zu markieren. Auch die Testung der Beschäftigten an Kitas und Schulen zwischen Mitte August und September ist ein wichtiger Schritt. Entsprechende Testmöglichkeiten sollten aber bestmöglich auch über den September hinaus zur Verfügung gestellt werden. Zudem muss die Abfrage nach Ausschlussgründen vom Unterricht zu Beginn des Regelbetriebs und nach allen Schulferien durch Formulare erfolgen, die mehrsprachig sind, sodass alle Eltern valide Auskünfte geben können. Dass Lehrkräfte durch das Land Masken zur Verfügung gestellt bekommen, muss logistisch angemessen organisiert werden. Zudem sollten Schulgebäude häufiger gereinigt werden, die Kommunen bei der Finanzierung von Reinigungskräften, sofern diese bei dem jeweiligen Schulträger direkt angestellt sind, durch das Land finanziell unterstützt werden.

All we need is Lehrkräfte

Der angestrebte Regelbetrieb wird besonders Lehrkräfte an die Belastungsgrenze bringen. Der chronische Lehrkräftemangel bestimmter Schulformen und Regionen wurde erst durch Corona an manchen Stellen wirklich zu Tage gefördert. Es ist zu befürchten, dass im kommenden Schuljahr verstärkt regionale Differenzen zwischen Land und Stadt auftreten werden, weil Stellen auf dem Land weniger beliebt sind und gleichzeitig die technische Infrastruktur in ländlichen Regionen weitaus schlechter ist. Hier gilt es, energisch gegenzusteuern. Auch interschulische Unterschiede zwischen Schulformen und damit Bildungsungerechtigkeiten eines ohnehin schon äußerst ungerechten mehrgliedrigen Schulsystems dürften sich verstärken. Es braucht besonders an Grundschulen mehr Lehrkräfte, eine attraktivere Gestaltung des Berufs und die Entlastung von verwaltungstechnischen Aufgaben. Dies sind seit Jahren Kernforderungen jungsozialistischer Bildungspolitik.

Dass Lehrkräfte an mehreren Dienstorten Präsenzunterricht erteilen sollen, erschließt sich uns, auch aus Infektionsschutzgründen, nicht. Wenn Schüler*innen möglichst getrennt in ihren Klassen bleiben sollen, muss dies auch für Lehrkräfte gelten. Auch wenn es praktisch aufgrund des mangelnden Personals an vielen Stellen vermutlich nicht anders möglich sein wird, eine flächendeckende Unterrichtsversorgung zu gewährleisten, sehen wir dieses Vorhaben nichtsdestotrotz kritisch. Es gilt in diesem Zuge, mindestens bis zu den Winterferien, viel mehr über den verstärkten Einbezug der Lehramtsstudierenden im Praxissemester nachzudenken.