Starke Gemeinschaftsschulen und Wahlfreiheit im Einklang

Aus SPD Baden-Württemberg
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Starke Gemeinschaftsschulen und Wahlfreiheit im Einklang

Die SPD Baden-Württemberg ist mit dem Versprechen zur Landtagswahl 2011 angetreten, die Bildungspolitik in Baden-Württemberg grundlegend zu reformieren, sie sozialer zu gestalten und den Bedürfnissen einer bunten und modernen Gesellschaft anzupassen. Nach 58 Jahren konservativ geprägter Bildungspolitik war dies dringender notwendig denn je. Mit dem grün-roten Regierungswechsel ist es unter der Federführung der baden-württembergischen Sozialdemokratie gelungen, die Bildungslandschaft im Südwesten schrittweise zu modernisieren. Mit der Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung, dem Ausbau der Ganztagesbetreuung an Grundschulen, dem Ausbau der Schulsozialarbeit und der Einführung der Gemeinschaftsschule wurden wichtige Kernforderungen aus dem Regierungsprogramm der SPD und dem grün-roten Koalitionsvertrag umgesetzt. Während vor allem zu Beginn der grün-roten Regierungszeit die Umwälzungen im Bereich der Bildungspolitik zu Irritationen und oft auch zu Unmut in der Bevölkerung führten, wird die sozialdemokratische Bildungspolitik mittlerweile durch ihre Erfolge zunehmend innerhalb der baden-württembergischen Bevölkerung positiv bewertet. Bis zum Ende der aktuellen Legislaturperiode gilt es daher, nun die begonnenen Reformen abzuschließen und für deren gelungene Umsetzung und Verankerung innerhalb der Bildungslandschaft zu sorgen.

Doch auch für die kommende Legislaturperiode bleiben große Herausforderungen bestehen. Neben der Frage des inklusiven Lernens und dem weiteren Ausbau der Schulsozialarbeit müssen wir vor allem Antworten auf den weiteren Ausbau der Gemeinschaftsschule, der Weiterentwicklung unseres Ganztagsschulkonzepts, des Erhalts von Schulstandorten und der G8 und G9-Thematik entwickeln. Für uns ist dabei klar, dass wir auch in Zukunft Schulentwicklung von unten ermöglichen wollen. SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen sollen dabei selbst entscheiden können, welchen Weg sie zu einem erfolgreichen Schulabschluss wählen wollen und welche Schulform sie auf diesem Weg präferieren. Gleichzeitig ist es auch Aufgabe sozialdemokratischer Regierungs- und Bildungspolitik, Konzepte und Leitlinien zu entwickeln, anhand derer sich die Bildungspolitik in Baden-Württemberg orientieren und weiterentwickeln soll.

Für uns Jusos steht dabei die Gemeinschaftsschule im Mittelpunkt. Sie verkörpert für uns das Konzept des längeren gemeinsamen Lernens, welches unabhängig der sozialen Herkunft den Weg zum individuell gewünschten Schulabschluss ermöglicht. Dabei vermeidet die Gemeinschaftsschule nicht nur die soziale Selektierung nach der vierten Klasse, sondern vermittelt neben individueller Betreuung auch ein solidarisches Miteinander, in dem sich die SchülerInnen in ihren Stärken und Schwächen wechselseitig unterstützen, wertschätzen und von ihnen profitieren. Neben dem längeren, gemeinsamen Lernen verkörpert die Gemeinschaftsschule für uns auch unsere Vorstellung von einer umfassenden Ganztagesbetreuung. Die entzerrten Lernzeiten sowie die pädagogische Betreuung, auch außerhalb der Lernzeiten, erhöhen die Chancengerechtigkeit in der Bildung. Sie entlastet Familien und führt zu einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Öffnung der Schule zur Gesellschaft durch die Einbindung von außerschulischen PartnerInnen, wie bspw. Sport- oder Musikvereinen in den schulischen Alltag können das Bildungsangebot bereichern. Deshalb ist für uns klar, dass die Gemeinschaftsschule nur im Ganztagsschulbetrieb umsetzbar ist. Dies muss auch für die Zukunft gewährleistet sein. Unser Ziel muss es daher sein, nach der Landtagswahl 2016 für einen Ausbau der Gemeinschaftsschulen und deren weiterer Stärkung in der Bildungspolitik einzutreten.

Gleichzeitig ist jedoch festzustellen, dass trotz vieler positiver Rückmeldungen in den Kommunen nicht alle Menschen der Gemeinschaftsschule positiv gegenüber stehen. Die strukturelle Veränderung von bildungspolitischen Konzepten benötigt daher Zeit und gute Argumente, um auch ihre KritikerInnen zu überzeugen. Folglich werden sich auch in den nächsten Jahren nicht alle unterschiedlichen Schulformen unter dem Dach der Gemeinschaftsschule zusammenführen lassen. Insbesondere das Gymnasium genießt in Baden-Württemberg bei vielen Menschen nach wie vor einen hohen Stellenwert. Dabei wurde das Gymnasium in den letzten Jahren durch viele übereilte und nicht ausgereifte Veränderungen reformiert und der Leistungsdruck auf die SchülerInnen dadurch über die Maße erhöht. So wurde beispielsweise durch die überhastete Einführung des 8-jährigen Gymnasiums durch die schwarz-gelbe Vorgängerregierung der Schulalltag für viele SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern erschwert. Viele Betroffene wünschen sich daher die Möglichkeit, wieder innerhalb von 9 Jahren zur allgemeinen Hochschulreife zu gelangen. Die Landesregierung hat mit der Einführung von 44 G9-Modellschulen auf diesen Wunsch reagiert, ohne jedoch langfristig ein Konzept zu erstellen, wie die weitere Entwicklung des Gymnasiums bei gleichzeitigem Ausbau der Gemeinschaftsschulstandorte erfolgen soll. Ebenso bleibt die Frage unbeantwortet, weshalb SchülerInnen und Eltern, die sich mehr Zeit und damit auch ein längeres gemeinsames Lernen wünschen, nicht den Weg der Gemeinschaftsschule wählen sollten. Die Unklarheit im Umgang mit G8/G9 verunsichert SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen im gleichen Maß. Wir müssen eine politische Antwort darauf finden, wie das Bedürfnis der SchülerInnen und Eltern auf dem 9-jährigen Weg zur Hochschulreife mit der Neuaufstellung der Schullandschaft in Baden-Württemberg in Einklang gebracht werden kann.

Zukünftig wollen wir daher den Weg zum 9-jährigen Abitur fest in die Gemeinschaftsschule integrieren. Dadurch wollen wir zum einen erreichen, dass SchülerInnen, die die Gemeinschaftsschule besuchen, innerhalb von 9 Jahren die Hochschulreife über das Abitur erlangen können. Zum anderen schaffen wir für SchülerInnen und Eltern, die aktuell dem pädagogischen Konzept der Gemeinschaftsschule noch kritisch gegenüberstehen, einen Anreiz, dieses Konzept als adäquaten Weg zum Abitur zu nutzen. Damit können wir die Gemeinschaftsschule von dem Verdacht befreien, lediglich ein Sammelbecken für weniger Begabte zu sein. Somit wird der Wunsch innerhalb der Bevölkerung nach mehr Zeit auf dem Weg zum Abitur mit einer Stärkung der Gemeinschaftsschule verknüpft. Die Gemeinschaftsschule wiederum ermöglicht es, Schulstandorte zu sichern und somit auch in Zukunft flächendeckend, wohnortnah und qualitativ gute Schulbildung zu erhalten. Gleichzeitig bleibt die Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 bestehen. SchülerInnen, die innerhalb von 8 Jahren das Abitur erreichen wollen, geben wir mit dem Gymnasium die Möglichkeit, dies auch zukünftig zu tun.

Dabei ist für uns jedoch klar, dass das 8-jährige Gymnasium in seiner heutigen Form überarbeitet werden muss. Dies betrifft insbesondere die Gestaltung der Lehrpläne. Diese müssen an eine 8-jährige Schulzeit am Gymnasium angepasst werden und demzufolge umgebaut, an aktuelle Bedürfnisse angepasst und entzerrt werden. Nur wenn es gelingt, den Leistungsdruck zu senken, kann verhindert werden, dass die sozialen Kompetenzen und die notwendige Entwicklung der SchülerInnen auch außerhalb der Schule zu kurz kommen. Dabei muss G8 in ein flächendeckendes Ganztagsschulprogramm integriert werden. Langfristig bleibt es jedoch unser Ziel, die Gemeinschaftsschule als das zentrale Schulmodell für Baden-Württemberg zu etablieren.

Die bildungspolitischen Reformen seit der Übernahme der Landesregierung durch SPD und Grüne entfalten zunehmend ihre Wirkung. Sie werden jedoch langfristig nur durch ein ganzheitliches Konzept der künftigen Bildungslandschaft in Baden-Württemberg bestehen können. Deshalb wollen wir mit der Stärkung der Gemeinschaftsschule, auch über Wahlkämpfe und politische Auseinandersetzungen hinaus, die Fehler alter Bildungspolitik überwinden und ein gerechteres und besseres Bildungssystem langfristig erhalten. So können wir unser sozialdemokratisches Versprechen nach Aufstieg durch Bildung einlösen.