Situation in der Geburtshilfe verbessern

Aus SPD Baden-Württemberg
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Unser Anspruch ist eine gute Begleitung der Schwangeren vor, während und nach der Geburt, denn der Geburtshilfe kommt eine elementare Bedeutung zu: als Grundlage für die Gesundheit der Mutter und des Kindes und für die Bindung zwischen Mutter und Kind. Um diese Ziele zu erreichen ist eine ausreichende Zahl von gut ausgebildeten freien oder in Krankenhäusern tätigen Hebammen ebenso zentral wie eine ärztliche Betreuung von Schwangerschaften und Geburten, die den individuellen Bedürfnissen der werdenden Mütter entspricht und nicht an Missständen in Krankenhäusern oder den Vorgaben von Kranken- und Haftpflichtversicherungen orientiert ist. Dagegen stehen folgende Fakten: 13 Antragstool SPD Baden-Württemberg Das Antragstool. Beschluss G 7 1. Die Versorgung werdender Mütter in der klinischen und außerklinischen Geburtshilfe ist an vielen Orten in Deutschland unzureichend. 1991 gab es in Deutschland 1186 Geburtsstationen, Ende 2017 waren es nur noch knapp unter 700, was einem Rückgang um 40% bei einem gleichzeitigen Rückgang der Geburtenrate von nur 11% entspricht. Im Jahr 2014 wurden in München im Schnitt zwei Gebärende pro Tag unter Wehen von Kliniken abgewiesen und in der zweiten Jahreshälfte 2017 haben 35% aller Geburtskliniken in Deutschland mindestens einmal eine Frau unter Wehen abgewiesen. Auch in Baden- Württemberg nimmt die Zahl der Abweisungen zu, so dass die freie Wahl des Geburtsortes faktisch nicht mehr gegeben ist. Für Schwangere ist es zudem immer schwieriger, eine Hebamme zur Geburtsvorbereitung oder zur Nachsorge zu finden. So hatten einer Umfrage zufolge 51% der befragten Frauen in Baden-Württemberg ein Problem, eine Hebamme zu finden. Eine signifikante Verkürzung der Geburten ist statistisch beobachtbar: Mit Kürzung der Pauschale auf fünf Stunden Geburtsdauer sind Geburten zwischen 2006 und 2008 im Schnitt rund 28% schneller geworden. 1. Der Anteil operativer Eingriffe ist gestiegen. So waren im Jahr 2016 31,21% aller Geburten Kaiserschnittgeburten (nämlich 236.742), obwohl die WHO keinerlei Rechtfertigung für eine Quote von über 10 bis 15% sieht. Hinzu kommen 53.164 vaginal-operative Eingriffe (7% aller Geburten). Die Interventionsrate für alle Geburten liegt bei über 90%, (Einleitungen: 162.475/21,42%, 117988 Geburten mit verschiedenen Formen der Anästhesie/ 25,2% der vaginalen Geburten). Interventionsfreie Geburten werden durch die Abrechnung über Fallpauschalen deutlich schlechter vergütet als solche mit Eingriffen. 2. Die Versicherer von Hebammen und Gynäkolog*innen geben mit der Ausgestaltung ihrer Versicherungen faktisch die Art der Geburten vor, die durchgeführt werden. Versicherer verlangen zum Beispiel Mindestmengen oder Vorhaltung bestimmter Notfallversorgungssysteme, um gewisse Geburtsmodi zu versichern. Solche Strukturen sind für Frauen intransparent und problematisch, weil sie u.a. zu überlangen Wegen in die Geburtskliniken mit den damit verbundenen neuen Risiken für die Schwangere führen. 3. In Deutschland hängt eine Vielzahl der Regeln und Eingriffe am errechneten Geburtstermin (ET), obwohl die Dauer einer Schwangerschaft um fünf Wochen variieren kann. Mütter müssen sich ab dem dritten Tag nach dem errechneten Termin (ET+3) einer verpflichtenden Untersuchung durch einen Arzt oder eine Ärztin unterziehen, wenn es sich um eine Hausgeburt handelt. 4. Werdende Eltern werden häufig nicht ausreichend informiert, welche Geburtsarten in einer Klinik angeboten werden. Die Interventionsrate bei Geburten für die einzelnen Kliniken ist bislang nicht verpflichtend öffentlich zugänglich. 5. Immer wieder kommt es zu Gewalterfahrungen unter der Geburt. Dazu zählt verbale Gewalt genauso wie ungewünschte Eingriffe wie Muttermunduntersuchungen und - dehnungen ohne Absprache mit der Mutter (sog. birth rape). Mit dem Beitritt zur(m Über- 14 Antragstool SPD Baden-Württemberg Das Antragstool. Beschluss G 7 einkommen der) Istanbul-Konvention hat Deutschland sich verpflichtet, auch in Zukunft alles dafür zu tun, um Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen, Frauen zu schützen und ihnen Hilfe und Unterstützung zu bieten. 6. Zur Situation der Hebammen: Die Arbeitsbedingungen der Hebammen haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert. So sind die Haftpflichtprämien für Hebammen stark gestiegen, weil die Haftungskosten sehr hoch sind. Die bestehenden Risiken müssen dringend anders abgesichert werden, da die Geburtshilfe einen gesamtgesellschaftlichen Auftrag erfüllt. Die Vergütung von Hebammen bei Vorsorge- und Nachsorgeuntersuchungen ist derzeit mit 38,- pro Besuch deutlich zu gering. Es gibt kaum Hebammen, die ihre Tätigkeit in Teilzeit ausüben. Die aktuelle Staffelung der Versicherungsbeiträge verhindert zusammen mit dem derzeitigen Vergütungssystem faktisch, dass der Hebammenberuf überhaupt in Teilzeit ausgeübt werden kann. Die Zahl der Ausbildungsinteressent* innen sinkt und die Verweildauer im Beruf liegt laut Sozialministerium Baden- Württemberg bei nur vier bis sieben Jahre. Konkret wollen wir umsetzen: • ein staatliches Absicherungssystem, das die Risiken steuerfinanziert abdeckt (Geburtshilfe als gesamtgesellschaftlicher Auftrag/Risiko) • Bedarfsorientierte Vergütung der Schwangerenvor- und nachsorge sowie der Geburtshilfe (Entkoppelung der Geburtshilfe von den Fallpauschalen) • Aufnahme der Geburtshilfe in die Grundversorgung (Basisversorgung), um wohnortnahe Geburtshilfe gemäß Koalitionsvertrag zu sichern • Verbindliche Personalschlüssel nach „10-Punkte-Plan“ von Mother Hood e.V. • Vergütung der Externatsanteile der Ausbildung, die bei Hebammen und in Geburtshäusern stattfinden • Erfassung von mütterlichen und kindlichen Geburtsschäden in klinischer und außerklinischer Geburtshilfe • Sicherstellung einer evidenzbasierten Geburtshilfe • Erfassung der Müttersterblichkeit gemäß WHO-Empfehlung • Meldestelle für Gewalterfahrungen unter der Geburt und Umsetzung der Istanbul- Konvention in Bezug auf Geburtshilfe • Beweislastumkehr zur Frage, ob eine Lebensgefährdung des Kindes vorlag (die Eingriffe rechtfertigen würde) wäre aus unserer Sicht zu prüfen 15 Antragstool SPD Baden-Württemberg Das Antragstool. Beschluss G 8 • Anerkennung des Geburtszeitraumes anstelle des Entbindungstermins (Orientierung des Mutterschutzes an Mitte des Zeitraumes) • mehr Transparenz über Geburtsarten und Interventionsraten Quellen: IQTIG 2016 Analyse zum Änderungsvorschlag „Kostenstelle Kreißsaal“ von Geburt e.V. Lösungsansätze für eine sichere Geburtshilfe von Mother Hood e.V. Istanbul-Konvention Koalitionsvertrag WHO-Empfehlung bezüglich Müttersterblichkeit https://sozialministerium.badenwuerttemberg. de/de/service/presse/ pressemitteilung/pid/berichtzur-versorgungssituationin- der-geburtshilfe-liegt-vor/https://idw-online.de/de/news687971