Raus aus der bildungspolitischen Sackgasse – für eine Schulpolitik mit Perspektive

Aus SPD Baden-Württemberg
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Beschluss der Juso-Landesdelegiertenkonferenz 2010 vom 08. bis zum 09. Mai 2010 in Konstanz


Bildungschancen von sozialer Herkunft abkoppeln
Nur eine kostenfreie Bildung von der KiTa bis zum Hochschulabschluss ermöglicht möglichst vielen jungen Menschen den sozialen Aufstieg durch Bildung.

Das sture Festhalten am mehrgliedrigen Schulsystem gefährdet die flächendeckende Schulversorgung auf dem Land und sortiert viele junge Talente bereits nach vier Schuljahren aus – dabei minimiert ein hoher Bildungsabschluss das Armutsrisiko um ein Vielfaches. Deshalb fordern wir die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems. Bis es soweit kommt, wollen wir uns dafür einsetzen, dass die Verbindlichkeit von Schulempfehlungen abgeschafft wird. Außerdem muss die Bildungspolitik stärker auf soziale Brennpunkte fokussiert werden.

Wer jedem Kind die gleichen Bildungschancen einräumen will, muss weiterhin konsequent dafür einstehen, dass jedes Kind die gleichen „Startbedingungen“ hat. Deshalb muss bereits im Vorschulalter jedes Kind die Möglichkeit der Sprachförderung bekommen.

Ferner benötigen gerade SchülerInnen aus so genannten „bildungsfernen Schichten“ eine bessere individuelle Förderung. Momentan liegt der Klassenteiler an baden-württembergischen Schulen zwischen 28 und 33 SchülerInnen. Um die individuelle Förderung ausbauen zu können, muss der Klassenteiler weiter herabgesenkt werden. Immer mehr Kinder fühlen sich dem Leistungsdruck an den Schulen nicht mehr gewachsen. Wir fordern daher die flächendeckende Einstellung von SchulpsychologInnen und SchulsozialarbeiterInnen.

Wer sich für die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf einsetzt, dem muss auch bewusst sein, dass sowohl am Ausbau der Kleinkinderbetreuung als auch der professionellen „Kernzeitbetreuung“ an den Schulen kein Weg mehr vorbei führt. Ideologische Debatten verschleiern nur den Kern des Problems: die Betreuungssituation in Baden-Württemberg ist unzureichend!


Hervorragende Bildung braucht mehr Geld
Wer erstklassige Bildung will, darf nicht am falschen Ende sparen. Vielmehr muss Bildung oberste Priorität im Haushaltsplan haben. Steuersenkungen trotz Mindereinnahmen bei den Steuern im zweistelligen Milliardenbereich gefährden Investitionen in die Zukunft. Daher fordern wir die Bundesregierung auf, das verfehlte „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ wieder zurückzunehmen – denn nur so kann den Kommunen wenigstens ein geringer Spielraum für Investitionen im Bildungsbereich erhalten bleiben.

Eine geringfügige Erhöhung des Bildungsetats auf Bundesebene behebt allerdings nur die wenigsten Finanzierungsprobleme im Bildungsbereich. Wir setzen uns daher für den Aufschlag um 1 Prozent beim Spitzensteuersatz für 100 Prozent Bildung ein.


(Hoch-) Schulen demokratisieren
SchülerInnen und StudentInnen muss an den Bildungseinrichtungen ganz konkret die Möglichkeit gegeben werden, demokratisch an bestimmten Entscheidungsfindungen teilzuhaben. Daher fordern wir die Einführung der Drittelparität in den Schulkonferenzen sowie die Wiedereinführung der Verfassten Studierendenschaften mit allgemeinpolitischem Mandat an den Hochschulen.

Einer Einmischung von „außen“, vornehmlich durch große Konzerne in den Hochschulräten, erteilen wir eine Absage. Wir wollen, dass hochschulinterne Entscheidungen auch an den Hochschulen selbst getroffen werden. Die Hochschulräte wollen wir deshalb abschaffen.


Hochschulen unterstützen
Ziel der Bologna-Reform war es, einen EU-weiten, einheitlichen Bildungsabschluss zu schaffen. Dieses Ziel teilen wir nach wie vor. Wir fordern daher eine wirkliche Umsetzung des Bologna-Prozesses, so dass das Wechseln zwischen verschiedenen Hochschulen vereinfacht wird und die Hochschulabschlüsse tatsächlich miteinander vergleichbar werden.

Um der sozialen Selektion vor Beginn des Studiums entgegenzutreten, wird die Kostenfreiheit der Bildung allein nicht genügen. Mit Blick auf die Hochschulstädte in Baden-Württemberg sehen wir massiven Investitionsbedarf im Bereich des studentischen Wohnens. Denn nicht nur die direkten Bildungsausgaben, sondern auch die hohen Lebenshaltungskosten halten immer mehr junge Menschen vom Beginn eines Studiums ab. Wir fordern die Landesregierung dazu auf, ein Investitionsprogramm zur Unterstützung der Studentenwerke zu starten, damit diese – gerade im Hinblick auf den doppelten Abiturjahrgang 2012 – neue Wohnheime mit bezahlbaren Zimmerpreisen errichten und marode Wohnheime sanieren können, ohne dass dies einen signifikanten Kostenanstieg zur Folge hat.


Duales Ausbildungssystem stärken
Das deutsche Ausbildungssystem gilt weltweit als vorbildlich. Damit dies auch so bleibt, muss insbesondere die Ausbildungsreife vieler Jugendlicher bereits im Schulleben durch vermehrten Praxisbezug stärker gefördert werden.


Bessere Ausbildung der Lehrkräfte im pädagogischen und psychologischen Bereich.
 
Der Unterricht wird nicht alleine durch kleinere Klassenteiler qualitativer, sondern nur durch gut ausgebildete LehrerInnen, die Fachwissen und Erfahrung im Bereich der Pädagogik und Psychologie haben, kann der Unterricht so gestaltet werden, dass sowohl eine hohe Qualitätssteigerung als auch eine geringe Leistungsstreuung (Egalisierung) erreicht wird. 

Der Lernerfolg der SchülerInnen hängt im Wesentlichen von der Vermittlung von Lerninhalten ab. Aus diesem Grund ist es elementar, dass in der Ausbildung der Lehrkräfte ein größerer Fokus auf pädagogische Inhalte und didaktische Techniken gelegt wird. Daher fordern wir besonders an den Universitäten mehr Lehrpraxis für die Studierenden. Vorbild könnte hierbei der Studienplan an den Pädagogischen Hochschulen sein durch mehr Blockpraktikas, die parallel zum gesamten Studienverlauf stattfinden. So können die Lehramtsstudierenden die erforderlichen Erfahrungen im Schulalltag sammeln. Begleitend hierzu müssen in der theoretischen Ausbildung psychologische Grundlagen erlernt werden, um auf die individuellen Bedürfnisse der SchülerInnen eingehen zu können. Im Anschluss an die universitäre Ausbildung müssen verpflichtende Weiter- und Fortbildungen durchgeführt werden, um die Fähigkeiten der Lehrkräfte stetig weiter zu entwickeln, so dass allen SchülerInnen ein qualitativ hochwertiger Unterricht garantiert wird.

Wir stehen für eine Bildungspolitik mit Perspektive, eine qualitativ hochwertige Bildung und gleiche Chancen für alle!