Nicht jeder kann lesen und schreiben, aber jeder hat das Recht, es zu lernen!

Aus SPD Baden-Württemberg
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Beschluss der Juso-Landesdelegiertenkonferenz 2006 vom 05. bis zum 07. April 2006 in Heilbronn


Deutschland ist eines der höchstentwickelten Länder der Welt. Trotzdem leben bei uns vier Millionen Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können.

Unter solchen sogenannten funktionalen Analphabeten ist die Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich hoch. Wer in unserer Zeit nicht adäquat lesen und schreiben kann, hat auf dem Arbeitsmarkt keine Chance. Jobs, die allein mit Muskelkraft zu bewerkstelligen sind und bei denen man nie in Kontakt mit dem geschriebenen Wort kommt, gibt es nicht mehr.

Analphabetismus behindert aber auch im privaten Leben: auf schriftliche Kommunikation muss verzichtet werden, Behördenbriefe können nicht verstanden werden. Wer nicht lesen und schreiben kann, lebt in sozialer Ausgrenzung. Insbesondere in Kreisen von Migranten ist Analphabetismus weit verbreitet. Er stellt ein großes Integrationshindernis dar.

Es ist nötig, Strategien zu entwerfen, wie es einerseits gelingen kann, Analphabeten zu alphabetisieren und andererseits durch Prävention bereits soweit vorzubeugen, dass es gar nicht erst so weit kommt.


Prävention ist wichtig

Wer in einem nicht-alphabetisierten Haushalt aufwächst, hat es schwerer, Lesen und Schreiben zu lernen. Wie bereits in anderen Ländern sollten daher auch bei uns Eltern-Kind-Programme eingeführt werden. Gleichzeitig wie das Kind in der Schule lernen die Eltern in speziellen Kursen. Lehrmaterialien können aber auch zum Teil gemeinsam bearbeitet werden. Insgesamt entsteht so in der Familie eine schreibfreudige Atmosphäre, in der Schrift als ein Wert an sich angesehen wird. Diesen Wert gilt es, im Sinne der Prävention auch in der Schule zu vermitteln. Wer einmal Lesen und Schreiben gelernt hat, kann zum funktionalen Analphabeten werden, wenn er seine Fähigkeit nicht gebraucht. Wer Lesen und Schreiben in der Schule als etwas aufgezwungen bekommen hat, dessen Sinn und Ästhetik er nie verstanden hat, wird davon auch nicht Gebrauch machen. Immer weniger Kinder und Jugendliche lesen in ihrer Freizeit. Von der Grundschule an muss Kindern daher in Projekten das Lesen als eine sinnvolle und schöne Freizeitmöglichkeit nahe gebracht werden. Dabei können Schulen mit Bibliotheken kooperieren und auch die außerschulische Jugendarbeit mit einbeziehen.

Auf den Anfang kommt es an. Daher muss ein Bildungsplan für den Kindergarten den spielerischen Umgang mit Schrift und Sprache bereits vorsehen. Grundschullehrer müssen unabhängig von ihrer Fächerwahl für die Aufgabe der Schriftaneignung besser ausgebildet werden. Ihre Ausbildung hat sich ihrer späteren Unterrichtsrealität anzupassen, also das Klassenlehrerprinzip zu berücksichtigen. Deswegen muss sich das Studium für das Lehramt an Grundschulen mehr an Kompetenzen denn an Fachgebieten orientieren. Jeder hat eine zweite Chance verdient: Schreib dich nicht ab, lern Lesen und Schreiben !

Menschen, die nicht lesen und schreiben können, dürfen nicht allein gelassen werden. Die meisten Betroffenen sind Geringverdiener. Die von den Volkshochschulen angebotenen Alphabetisierungskosten sind für sie zu teuer. Viele verzichten aus diesem Grund auf eine Teilnahme, auch wenn sie grundsätzliche Hemmungen überwunden haben und bereit wären, einen Kurs zu machen. Die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können gehört zur absoluten Grundbildung. Wir treten dafür ein, jedem eine zweite Chance zu vermitteln und fordern daher, dass Analphabeten an kostenlosen Alphabetisierungskursen teilnehmen können.

Im Fall von Arbeitslosigkeit werden solche Kurse bereits jetzt von der Agentur für Arbeit bezahlt. Problematisch ist hierbei aber, dass Betroffene von den zuständigen Sachbearbeitern mit den entsprechenden An-tragsformularen und allen anderen Formularen auch in der Regel allein gelassen werden. Nicht selten werden Zahlungen nicht bewilligt, weil schriftliche Anträge nicht rechtzeitig gestellt wurden. Es gilt, die zuständigen Sachbearbeiter auf das Problem aufmerksam zu machen und für einen menschlichen Umgang mit Analphabeten zu sensibilisieren. Menschen, die sich zu ihrem Analphabetismus bekennen, sollten jede mögli-che Hilfe erhalten. Ihnen sollten fachkundige Begleiter zur Seite gestellt werden, die sie einerseits bei ihrem Schriftverkehr unterstützen können und sie andererseits auch alphabetisieren können. Diese Aufgabe kann von Ehrenamtlichen oder auf Honorarbasis bewerkstelligt werden.

Dass Analphabetismus bei Migranten weit verbreitet ist, muss bei Integrationskursen berücksichtigt werden. Bevor bei Zuwanderern mit dem Sprach- und Schrifterwerb des Deutschen begonnen werden kann, muss überprüft werden, ob diese überhaupt in ihrer Muttersprache alphabetisiert sind. Wenn nicht, muss das nach-geholt werden. Sie haben ansonsten keine Chance, Deutsch schreiben zu lernen.