Nachhaltiger Konsum und Produktion – Eine Frage der Umverteilung und Gerechtigkeit!

Aus SPD Baden-Württemberg
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Nachhaltiger Konsum und Produktion – Eine Frage der Umverteilung und Gerechtigkeit!

Im Sinne unseres Selbstverständnisses als internationalistischer Richtungsverband innerhalb der Sozialdemokratie beschäftigen wir Jusos uns mit globalen Verteilungsfragen von Kapital und Teilhabemöglichkeiten. Wir stellen ein massives Ungleichgewicht zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden hinsichtlich der Verteilung von Ressourcen fest und kritisieren die, auf einseitigen Profit ausgerichteten, Märkte als ineffizient und nicht nachhaltig. Nachhaltigkeit ist für uns jedoch eines der wichtigsten Konzepte der Bewältigung von Verteilungsungerechtigkeiten auf der Welt. Denn nur, wenn wir nachhaltig und langfristig Veränderungen herbeiführen, können wir die Machtdominanz des industriellen Westens gegenüber dem globalen Süden brechen.

Nachhaltigkeit ist dabei kein grünes Konzept, welches einseitig auf Umweltfragen fußt. Nachhaltiges Leben und Wirtschaften bedeutet für uns, so zu handeln und politische Konzepte so zu erarbeiten, dass wir sowohl kurz- aber auch in langfristig ein ökologisch, sozial und ökonomisch intaktes Gefüge zwischen Mensch und Natur, aber auch zwischen Nord und Süd haben. Damit haben Umweltfragen nichtsdestotrotz eine wichtige Funktion hinsichtlich der Beurteilung von Verteilungs(un)gerechtigkeit. Wichtig ist jedoch, die Ergänzung von ökonomischen, also auf Kapital ausgerichteten und sozialen, auf Teilhabe- und Verwirklichungschancen ausgerichteten, Elementen. Analysieren wir die Gegenwartsgesellschaft hinsichtlich ökologischer, sozialer und ökonomischer Gleichstellung, bekräftigen wir unseren Schluss, dass ein massives Ungleichgewicht zwischen Ausbeuterinnen und Ausbeutern und Ausgebeuteten besteht. Die Produktionsketten sind national wie international weiterhin darauf ausgerichtet Kapital zu akkumulieren, also anzuhäufen, und diejenigen die produzieren, auszubeuten. Von Finanz- und Spekulationsmärkten ist an dieser Stelle noch gar nicht die Rede. Es handelt sich immer auch um die „großen Fragen“, wie der Überwindung der kapitalistischen Wirtschaftsweise, wenn wir globale Gerechtigkeit herstellen wollen. Daher wollen wir mit konkreten Verbesserungen die Produktionsketten transparenter machen und so dazu beitragen, die Macht der Unternehmer einzuschränken. So hoffen wir mittel- und langfristig zur Auflösung des Nord-Süd-Konfliktes beizutragen.

Gute Arbeitsbedingungen – global und lokal!

Verteilungsungerechtigkeit zwischen verschiedenen Staaten der Welt ist in erster Linie durch unterschiedliche Bedingungen in der Produktion von Gütern zurückzuführen. Sehr viele der konsumierten Güter in Deutschland sind auch das Ergebnis schlechter und menschenunwürdiger Arbeit. Der Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch Mitte 2013, bei der über 600 Menschen starben, weil nicht einmal einfachste Arbeitsschutzvorkehrungen getroffen wurden, ist kein Einzelfall, sondern die Spitze des Eisbergs. Menschenunwürdige Arbeit, Zwangs- und Kinderarbeit, lange Arbeitszeiten und rigide Überwachung sind ebenfalls keine Ausnahme. Gleichzeitig würden uns Konsumentinnen und Konsumenten Produkte aus fairem oder fairerem Handel gar nicht so viel mehr Geld kosten, als die bisher auf ungerechter Basis produzierten Güter. Der Ökonom Robert Pollin hat beispielsweise berechnet, dass ein Hemd aus Mexiko, das einen Kaufpreis von 32 US-Dollar hat, bei der Verdopplung der Löhne für die Arbeiterinnen und Arbeiter 32,50 US-Dollar kosten würde. Die Einhaltung fairer Arbeitsrichtlinien ist damit keine Frage des Geldes, sondern der Gerechtigkeit.

Die ILO-Kernarbeitsnormen [1] der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die auch Deutschland ratifiziert hat, verbieten vor allem Zwangsarbeit, Kinderarbeit und Diskriminierung und gewähren Vereinigungsfreiheit. Der Staat muss hierbei mit gutem Beispiel vorangehen. Wir fordern daher auch für Deutschland, dass die öffentliche Beschaffung (Ausschreibungen und sonstige Beschaffungen) nur noch Waren bezieht, die unter Einhaltung der ILO Kernarbeitsnormen produziert werden. Einzelne Städte, wie zum Beispiel Mannheim [2], haben dies bereits beschlossen. Außerdem fordern wir ein Einfuhrverbot für Waren, die unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert worden sind. Diese Maßnahmen müssen auch auf europäischer Ebene festgeschrieben werden.

Transparenz, Informationsbereitstellung und Kontrolle – für eine mündige Konsumentscheidung.

In Deutschland gibt es mehr als 1000 Gütesiegel. Während einige wirklich Informationsgehalt haben, sind viele geschaffen worden, um Konsumentinnen und Konsumenten eine bessere Produktionsweise vorzutäuschen. Viele Konsumentinnen und Konsumenten lassen sich von diesen Siegeln bei ihrer Kaufentscheidung beeinflussen, auch weil sie denken so Produkte zu erwerben, die bspw. ohne Kinderarbeit und unter fairen Arbeitsbedingungen hergestellt wurden. Umso wichtiger ist es, diesen Markt staatlich zu regulieren und nur einige, aussagekräftige Siegel zuzulassen. Unternehmen sollen nicht einfach Gütesiegel neu kreieren dürfen, die keinen Mehrwert bieten und nur der Täuschung dienen. Nur mit verbindlichen Kriterien von Bio- und Fairtradeprodukten können mündige Konsumentinnen und Konsumenten entscheiden, welche Waren sie kaufen, um durch ihren Konsum Effekte für Märkte zu intendieren. Wir fordern einen staatlich kontrollierten und stark dezimierten Label-Katalog für fair und ökologisch produzierte Produkte.

Neben der Information auf Produkten fordern wir zudem, dass bspw. in der Textilindustrie über die Produktionsketten informiert wird. So können Modegeschäfte beispielsweise dazu verpflichtet werden die Käuferinnen und Käufer zu informieren, wie hoch (oder niedrig) die Näherinnen und Näher bezahlt werden und wie sich der Preis der Ware zusammensetzt.

CO2-Fußabdruck von Produkten transparent machen.

Der CO2 Fußabdruck bezeichnet die Menge an CO2-Emissionen, die ein Mensch bzw. die Produktion eines Produktes verursacht. So produziert jede Bürgerin und jeder Bürger der Bundesrepublik Deutschland statistisch gesehen rund elf Tonnen CO2 im Jahr, z. B. durch den Verbrauch von Energie oder Autofahren.

In Studien [3] wurde bereits bewiesen, dass der private Konsum von Waren und Dienstleistungen in Deutschland für ca. 40 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich ist. Einige Unternehmen beschäftigen sich bereits mit dem CO2-Fußabdruck ihrer Produkte, der durch die Beschaffung, Verarbeitung und den Transport der Ware zustande kommt. Bereits heute ist es verpflichtend, Inhalte und Brennwerte genau auszuzeichnen oder über den Preis pro Gewicht zu informieren. Es ist wissenschaftlich bereits relativ genau möglich, CO2-Fußabdrücke von Produkten zu berechnen. Dies soll verpflichtend erfolgen, um sich bei Kaufentscheidungen auch ökologischen Dimensionen bewusst zu werden.

Beim deutschen Tiefkühllieferanten Frosta gibt es beispielsweise bereits Informationen zum CO2-Fußabdruck der Produkte. So werden für ein Tiefkühlpastagericht von Frosta rund 1700 Gramm CO2-Emissionen verursacht. Das ist aber noch längst nicht überall der Fall. Daher fordern wir eine Kennzeichnung von Produkten und Gütern hinsichtlich ihres CO2-Fußabdruckes. Nur so können Konsumentinnen und Konsumenten zu einer abgewogenen Entscheidung kommen. Auf EU Ebene soll ein Standardverfahren festgelegt werden mit dem der CO2 Fußabdruck der gesamten Herstellungskette (live cycle assessment) berechnet werden kann, damit unterschiedliche Produkte vergleichbar sind.

Biologische Landwirtschaft fördern!

Neben Kleidung ist vor allem der Lebensmittelmarkt ein Markt, der mit Labels überflutet ist. Natürlich sind Lebensmittel aus konventioneller Landwirtschaft billiger als aus biologischer und wir haben als Jusos ein starkes Interesse daran, dass sich auch einkommensschwache Konsumentinnen und Konsumenten Lebensmittel leisten können. Allerdings bezieht sich der Preisunterschied nur auf den im Supermarkt bezahlten Preis. Viele Kosten, auch externe Effekte genannt, sind nicht eingepreist. Konventionelle Landwirtschaft hinterlässt oft unfruchtbare Böden und belastetes Grundwasser. Diese Kosten haben wir in Zukunft zu tragen und wir verursachen sie durch billigen Konsum heute. Außerdem wird der Preis von sogenannten Bio-Produkten wahrscheinlich auch zurückgehen, da immer mehr Konkurrenz auf diesen Märkten herrscht. Als Jusos wollen wir, dass sich Menschen auch in Zukunft ausreichend ernähren können und dies auch finanzieren können. Der Konsum von Bio-Produkten ist also nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll. Die sozialdemokratische Bewegung muss sich für eine Landwirtschaft mit Zukunft einsetzen und deshalb die biologische Landwirtschaft stärken. Wir fordern, dass die EU-Agrarsubventionen nach einer Übergangsfrist von 10 Jahren nur noch für ökologische und nicht länger für konventionelle Landwirtschaft vergeben werden. Eine zum Teil zerstörerische Produktionsweise muss nicht auch noch durch öffentliche Gelder subventioniert werden. Durch eine gezielte Förderung der Umstellung hin zur biologischen Produktion sollen besonders Betriebe der kleinbäuerlichen Landwirtschaft bei der Umstellung unterstützt werden. Hierfür können über einen Zeitraum von bis zu 15 Jahren zusätzliche Mittel beantragt werden. Langfristig wollen wir jedoch weiterhin die Abschaffung von Agrarsubventionen forcieren.

Natürlich ist das europäische Bio-Siegel nicht perfekt, im Vergleich zu anderen Bio-Siegeln ist es nicht besonders streng. Trotzdem bringt es gewaltige Fortschritte im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft und setzt wichtige Mindeststandards für eine zukunftsfähige Ernährung. In Deutschland gibt es schon lange Lebensmittelstandards, die beispielsweise Nahrung mit giftigen oder schädlichen Substanzen verbieten. Wir fordern, dass langfristig das europäische Bio-Siegel als Mindeststandard für in Deutschland und Europa verkaufte Lebensmittel wird.

Globales lernen etablieren – Selbstreflexion fördern!

Wie man sich ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltig verhält, das sollten junge Menschen nicht nur durch Zufall in Zeitungen oder Veranstaltungen erfahren, sondern bereits in der Schule. Informationen über Konsumverhalten sowie das Schaffen eines Bewusstseins für globale Verantwortung gehört in die Lehrpläne. Dabei geht es nicht nur um ein grundlegendes Verständnis davon, wie Güter produziert werden, sondern auch darum, die Regionalität und Saisonalität zu verdeutlichen und zu verstärken. Wir wollen keine Überfrachtung der Lehrpläne, sehen es jedoch als sinnvoll an im Ethik- und Gemeinschaftskundeunterricht über globale gesellschaftspolitische Fragen zu diskutieren.

Die von uns vorgeschlagenen Maßnahmen sind nur ein Anfang, sollen aber dazu dienen, nachhaltige Politik greifbarer zu machen und mit konkreten Maßnahmen zu beginnen.

Darüber hinaus muss die gesamte Gesellschaft für die Wertigkeit von Lebensmitteln sensibilisiert werden. Wir wollen eine breite Diskussion über die Haltbarkeit von Lebensmitteln. Weiter soll das Entwenden von bereits v.a. durch Supermärkte weg geworfenen Lebensmitteln (Container, Dumpstern) zukünftig in Deutschland straffrei sein. Langfristig sollen die Lebensmittelkonzerne so zu einem anderen Produktions- und Vertriebsverhalten animiert werden.



[1] http://www.ilo.org/berlin/arbeits-und-standards/kernarbeitsnormen/lang--de/index.htm

[2] http://buergerinfo.mannheim.de/buergerinfo/to0040.asp?__ksinr=5126&toselect=37154

[3] http://www.welt.de/welt_print/vermischtes/article5951079/Der-CO2-Fussabdruck-Unsere-taegliche-Spur-in-der-Umwelt.html, http://www.nachhaltigkeit.info/artikel/co2_fussabdruck_1568.htm, http://www.frosta.de/nachhaltigkeit/co2-fussabdruck/, http://www.pcf-projekt.de/main/results/results-reports/



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