Gute Arbeit in der Pflege (Antragsbereich G / Antrag 5)

Aus SPD Baden-Württemberg
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Gute Arbeit in der Pflege

Ausgangslage

Im Hinblick auf den demografischen Wandel, den sich verändernden gesellschaftlichen Anforderungen an eine gute Pflege und den steigenden Personalbedarf steht der Pflegebereich vor großen Herausforderungen. In den letzten zwei Jahren hat sich in Baden-Württemberg eine Enquete-Kommission mit diesem Thema befasst. Die Ergebnisse der Kommission liegen seit Ende Januar 2016 vor.

Aus Sicht der SPD werden die aktuellen Herausforderungen insbesondere durch folgende Aspekte beschrieben:

• Der Bedarf an Pflege und Betreuung nimmt zu:

In den nächsten Jahrzehnten wird die absolute Zahl wie auch der Anteil der Menschen, die älter als 65 Jahre sind, deutlich zunehmen. Auf der einen Seite werden die Menschen im Schnitt immer älter, zudem kommen die geburtenstarken Jahrgänge der 50er und 60er Jahre in das Rentenalter.

Alle Prognosen gehen davon aus, dass auch der Bedarf an Pflege und Betreuung zunehmen wird. Die Anzahl der 20- bis 59-Jährigen geht zurück, während die absolute Anzahl der über 80-Jährigen (Hochbetagten) überproportional wächst. Daraus folgt eine deutliche Zunahme der Gruppe der Menschen mit Pflege- und Betreuungsbedarf bei gleichzeitigem Rückgang des Pflege- und Unterstützungspotenzials.

• Der Fachkräftemangel in der Pflege ist schon heute enorm: Für die Versorgung der 154.176 Menschen mit Pflegebedarf durch die stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen in Baden-Württemberg standen zum Jahresende 2013 landesweit 122.420 Beschäftigte zur Verfügung. Angesichts der demografischen Entwicklung wird sich der Bedarf an Pflegekräften bis 2030 um ca. 53.000 Personen erhöhen.

• Der Bedarf an neuen Wohnformen und Pflegeabläufen wird steigen:

2013 wurden in Baden-Württemberg 70% der Pflegebedürftigen zu Hause entweder durch Angehörige oder Pflegedienste versorgt; 30% vollstationär in Heimen. Viele Menschen möchten an ihrem Wohnort oder zumindest wohnortnah alt werden. Die Forderung nach Selbstbestimmung wächst, insbesondere bei den heutigen 50 - 70 Jährigen, wie auch bei Menschen mit Behinderung (Inklusion). Das bedeutet, dass im Quartier möglichst niedrigschwellige Angebote, Angebote ambulanter Dienste, Sozialstationen, ambulant betreutes Wohnen, Wohngemeinschaften, Tagespflege, Kurzzeitpflege und stationäre Pflegeheime vorhanden und gut vernetzt sein müssen und qualifizierte Assistenten benötigt werden, um ein Leben in den eigenen vier Wänden zu gewährleisten.

Mit der Reform des Heimrechts der grün-roten Landesregierung wurden wichtige Grundlagen für diese neue Vielfalt geschaffen, so z.B. für ambulant betreute Wohngemeinschaften.

• Ökonomisierung der Pflege:

„Produktdenken“ und Kommerzialisierung der Pflege führen zur „gehetzten Minutenpflege“ und zum Fehlen der Beziehungspflege. Die Ausrichtung auf die Wirtschaftlichkeit der Einrichtungen befördert den Rationalisierungsdruck und die zunehmende Konzentration zugunsten national und international agierender Pflegekonzerne.

• Arbeitsverdichtung und Arbeitsbedingungen in der Pflege

Schichtdienste, lange Arbeitszeiten, Einspringen an freien Tagen und Überstunden, zunehmende Arbeitsverdichtung, hohe psychische und körperliche Belastungen, hoher Krankenstand. So liegt die Zahl der Fehltage in der Krankenpflege bei 17 Tagen und in der Altenpflege bei 22 Tagen (alle Berufe 12 Tage).

Häufig genannte Belastungsfaktoren von Pflegenden sind:

o hoher Zeit- und Leistungsdruck, o häufige Unterbrechungen der Arbeit, o fehlende Pausen, o zu hohe Verantwortung, o fehlende Entwicklungsmöglichkeiten, o Spannung und Feindseligkeit bei der Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen, o bürokratische Anforderungen, o Arbeitszeiten, die eine gesunde Work-Life-Balance verhindern, o fehlende Unterstützung durch Führungskräfte, o negatives Berufsimage.

Die Verweildauer der Pflegekräfte in ihrem Beruf betrug 2009 in Deutschland durchschnittlich 8,4 Jahre.

Unser Ziel: Gute Arbeit in der Pflege

Die Sicherung und Gewinnung von Fachkräften sind der entscheidende Schlüssel für die Zukunft einer guten Pflege. Ziel ist es, die vorhandenen Pflegekräfte im Beruf zu halten und neue Fachkräfte für die professionelle Pflege zu gewinnen. Professionelle Pflege bedeutet auch, Pflege, Betreuung und Fürsorge als Einheit zu betrachten. Nötig ist dazu die Verbesserung der Rahmen- und somit der Arbeitsbedingungen. Pflegeeinrichtungen brauchen eine positive Atmosphäre, in der es Spaß macht zu arbeiten, oder eine Ausbildung zu beginnen.

Wir wollen, dass gute Arbeit geprägt ist durch:

o Wertschätzung der Arbeit durch die Gesellschaft und im Betrieb, o eine hohen Übereinstimmung von Wissen und Praxis, sowie von Berufsethik und eigenen Ansprüchen, o eine angemessene Bezahlung, o geregelte, verlässliche Arbeitszeiten, o der Vereinbarkeit von Familie und Beruf(Work-Life-Balance), o Identifizierung mit dem Beruf, Sinnhaftigkeit des beruflichen Handelns, o gute Aus-, Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten.

Es ist somit eine Kombination von rechtlichen Rahmenbedingungen, Arbeitsgestaltung, Arbeitsbedingungen und Vergütungssystemen.

Bei der Pflege- und Assistenztätigkeit steht der Mensch im Mittelpunkt; gute Pflege und Beziehungsarbeit bedingen sich gegenseitig. Die Übereinstimmung von Wissen, Praxis, Berufsethik und eigenen Ansprüchen hat in den Pflegeberufen eine ganz besondere Bedeutung. Sowohl für die Pflegekräfte, als auch für die zu Pflegenden führt dies zu Zufriedenheit die sich für beide Seiten gesundheitlich (psychisch und physisch) positiv auswirkt.

Unsere Forderungen:

o Wir fordern eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen mit geregelten, verlässlichen Arbeitszeiten, bei denen fachlich gute Pflege und Zuwendung zu den Gepflegten oder Betreuten ermöglicht wird. Die Empfehlungen der Enquetekommission sind dabei eine gute Grundlage

Die Einrichtungen und Dienste brauchen eine auskömmliche Finanzierung, damit sie ihren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gute Arbeitsbedingungen bieten. Dieses Geld muss vor allem für mehr Personal eingesetzt werde, um die Arbeitsdichte zu reduzieren. Entsprechend müssen die Personalrichtwerte durch die Rahmenvertragspartner, notfalls durch den Bundesgesetzgeber, entschieden angehoben und finanziert werden.

o Tariflich vereinbarte Löhne müssen auch refinanziert werden. Für den Bereich des SGB XI (Soziale Pflegeversicherung) hat die SPD dies im Pflegestärkungsgesetz durchgesetzt. Eine entsprechende Regelung brauchen wir aber auch für den Bereich des SGB V (Gesetzliche Krankenversicherung).

o Unnötige bürokratische Lasten werden von Pflegekräften zu Recht als verlorene Zeit für die Arbeit mit den Bewohnern/Patienten kritisiert. Modelle, die die Dokumentationspflichten verringern, ohne die Ergebnisqualität zu gefährden, sind von Leistungsträgern und Gesetzgeber nachhaltig zu unterstützen.

o Pflegefachkräfte müssen stärker durch weitere qualifizierte Personen in Service, Betreuung und Verwaltung unterstützt werden. Eine entsprechende Flexibilisierung sieht der Entwurf der Heimpersonalverordnung vor. Gleichzeitig legt der Entwurf „Vorbehaltsaufgaben“ für Pflegefachkräfte fest, so dass die „wahren“ Pflegetätigkeiten auch nur von entsprechend qualifizierten Personen ausgeführt werden. Ziel muss es hierbei sein, dass der ganzheitliche Pflegeansatz nicht geschwächt, sondern gestärkt wird.

o Psychosoziale Inhalte und Angebote müssen schon in der Ausbildung, sowie in Fort- und Weiterbildungen, stärker berücksichtigt werden. Pflege ist keine Akkordarbeit; die Kommunikation kann für beide Seiten in der Pflege entscheidend sein. Der Pflege- und Betreuungsalltag soll durch ein Miteinander auf Augenhöhe geprägt sein.

o Verbesserung der Ausbildungsbedingungen. Auszubildende dürfen nicht als „billige“ Arbeitskräfte gesehen und eingesetzt werden. Die Praxisanleitung muss im Personalschlüssel mit entsprechender Freistellung separat festgelegt, in den Dienstplänen kenntlich aufgenommen und die hierdurch entstehenden Kosten müssen refinanziert werden.

o Steigerung der Attraktivität des Ausbildungsabschlusses durch

o Eine generalistische Erstausbildung von Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege mit einer daran anschließenden weiterführenden Spezialisierung. Dabei ist sicher zu stellen, dass mit Ende der Ausbildung ein Qualifizierungsniveau erreicht wird, das fachlich qualifiziertes Arbeiten ermöglicht.

o Gebührenfreie Ausbildung.

o Verbesserte Weiterbildungsangebote und damit verbundene Aufstiegsmöglichkeiten, z.B. durch berufsbegleitende modulare Angebote.