Gegen die Tabuisierung männlicher* Gewaltopfer – Mehr Unterstützung für männliche* Opfer von Gewalttaten

Aus SPD Baden-Württemberg
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"Männliche Opfer von Gewalt, Ausbeutung und Misshandlung verschwinden hinter einer Schweigemauer", so Hans-Joachim Lenz, ("Psychologie Heute" 7, 2004, 53). Gewalt an Männern* ist nach wie vor ein gesellschaftliches Randthema – sowohl in der öffentlichen Debatte als auch in der Forschung.

Doch Männer*, die Gewalttaten zum Opfer fallen, sind keine Seltenheit. Das belegen auch zahlreiche Kriminalstatistiken. In Deutschland fallen etwa 430 000 Männer* jährlich Gewaltverbrechen zum Opfer – viele von ihnen innerhalb der Partnerschaft (registrierte Straftaten). Gewalt gegen Männer* ist längst kein Einzelfall mehr. Forscher gehen mittlerweile davon aus, dass sich die Gewalt zwischen den Geschlechtern in Partnerschaften die Waage hält. Erfahrungsgemäß nehmen Männer* allerdings wesentlich seltener Kontakt zu Hilfsorganisationen oder der Polizei auf. Angst und Schamgefühle halten sie meist zurück.

Die letzten Jahre haben eines sehr deutlich gezeigt, mit steigenden Hilfsangeboten, steigen auch die Fallzahlen. Wie hoch die Zahl der Männer*, die Opfer von gewalttätigen Übergriffen wurden, wirklich ist, bleibt offen. Zu hoch ist hier die Dunkelziffer.

Um männliche* Gewaltopfer von ihrem Tabu-Empfinden zu befreien, braucht es verlässliche Studien und konkrete Zahlen. Auf diese Weise kann öffentliche Aufmerksamkeit erzeugt werden, die das Thema dorthin rückt, wo es hingehört – in die Mitte der Gesellschaft.

Das Tabu-Thema „Gewalt gegen Männer*“ muss endlich in der Öffentlichkeit diskutiert werden und an Akzeptanz gewinnen. Wir dürfen nicht zulassen, dass Gewaltopfer aus Scham, Druck oder Angst vor Verleumdung weiter schweigen.

Um dieses gesellschaftlich relevante Thema endlich in den Vordergrund zu rücken, fordern wir nachhaltige und bundesweite Sensibilisierungsmaßnahmen. Gewalt an männlichen* Opfern darf nicht länger tabuisiert werden. Der erste Schritt hin zu einer umfassenden Sensibilisierung der Gesellschaft erfolgt durch breit angelegte Informationskampagnen und entsprechende Aufklärungsarbeit. Studien zufolge ist das Risiko für Männer* in der Kindheit und Jugend Opfer von Gewalthandlungen zu werden sehr viel höher als im Erwachsenenalter. Um bereits frühzeitig auf das Thema aufmerksam zu machen und präventiv Hilfestellungen bieten, muss insbesondere an Schulen bzw. Ausbildungsstätten angesetzt werden. Hierfür fordern wir umfassende Sensibilisierungsmaßnahmen, bspw. im Rahmen unterschiedlicher Präventionstrainings oder Gewaltbewältigungsprogramme. Außerdem soll im Rahmen dieser Maßnahmen auch über unterschiedliche Anlaufstellen und Hilfsangebote für Gewaltopfer aufgeklärt werden.

Mittlerweile existieren in Deutschland einige Opferhilfsorganisationen, Gewaltschutzambulanzen, Selbsthilfegruppen und Therapieangebote, die sich auf die Beratung und Unterstützung für Männer* spezialisiert haben. Diese Hilfsinitiativen werden allerdings meist ehrenamtlich betrieben – an verlässlichen, bundesweiten Anlaufstellen für männliche Gewaltopfer fehlt es weiterhin massiv. Erste Schritte in dieser Hinsicht wurden u.a. in Sachsen unternommen. Sogenannte Männerschutzwohnungen sind bereits in Form von Pilotprojekten in Dresden und Leipzig an den Start gegangen. Bundesweit gibt es aber lediglich fünf Schutzeinrichtungen für Männer* (Stand Mitte 2018).

Daher fordern wir die Einrichtung solcher Männerschutzwohnungen in allen deutschen Bundesländern. Erst wenn bundesweit verlässliche Rückzugsorte für männliche* Opfer von Gewalttaten existieren, schaffen wir es die Hemmschwelle für Opfer effektiv zu senken. Darüber hinaus muss auch die ehrenamtliche Tätigkeit der Hilfsvereine, die diese Aufgabe übernehmen, vom Staat unterstützt werden. Auch Hilfsangebote, die sich darauf spezialisiert haben, Männern* nach traumatischen Gewalterfahrungen den Weg in einen normalen Alltag zu ebenen, sollen aktiv unterstützt und werden. Denn eine entsprechende seelische Nachsorge und Begleitung zur Bewältigung der traumatischen Erfahrung ist hierfür unabdingbar.