Fortschritt durch Vielfalt!

Aus SPD Baden-Württemberg
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Beschluss der Juso-Landesdelegiertenkonferenz 2012 vom 5./6.Mai 2012 in Heidenheim

Im Jahre 2012 haben 26,2% der baden-württembergischen Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund aber weniger als 1% der Angestellten im öffentlichen Dienst stammen aus dieser Bevölkerungsgruppe. In Mannheim, der zweitgrößten Stadt Baden-Württembergs haben 37,9% der Menschen einen Migrationshintergrund doch es gibt keinen Gemeinderat und keine Gemeinderätin mit Migrationsgeschichte. Gleiches gilt für Heilbronn, in dem mittlerweile knapp zwei Drittel der unter 18-jährigen eine Migrationsgeschichte haben. Diese Beispiele zeigen, dass trotz der integrationspoltischen Fortschritte der vergangenen Jahre noch viel zu tun ist.

Weiterhin viel zu tun gibt es auch beim Kampf gegen Nazis und jegliches rechtsext-remistisches Gedankengut. Die Enthüllungen um die rechtsterroristische Terrorzelle „NSU“ und deren brutale Mordserie zeigen dies in beängstigendem Ausmaß.

In einer Zeit solcher Nachrichten beobachten wir Jusos noch immer eine wachsende Ablehnung in der Bevölkerung gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund. Mehr als 50 Jahre nachdem Deutschland das Anwerbeabkommen mit der Türkei geschlossen hat, ein halbes Jahrhundert nachdem viele Teile unserer Gesellschaft schon längst erkannt haben, dass Deutschland massiv von Einwanderung profitiert und abhängig ist, gilt es, den ewig gestrigen entschieden entgegenzutreten. Für uns Jusos steht dabei nicht nur der Kampf gegen Rechts weiterhin auf der Tagesordnung. Wir sagen ausländerfeindlichen Parolen, die bis tief in die Mitte der Gesellschaft verankert sind, den Kampf an und setzen eine tolerante und vielfältige Gesell-schaftsvorstellung entgegen.

Baden-Württemberg hat in den vergangenen Jahrzehnten wie kaum ein anderes Bundesland von Migration ausländischer Mitbürgerinnen und Mitbürger profitiert. Menschen mit Migrationshintergrund bereichern unsere Gesellschaft nicht nur öko-nomisch, sondern auch kulturell. Wir Jusos müssen uns mehr denn je dafür einsetzten, dass das immernoch verbreitete Schubladendenken endlich ein Ende findet und alle EinwohnerInnen Baden-Württembergs Menschen einer großen kulturell-vielfältigen Gesellschaft sind. Es ist uns bewusst, dass in den vergangenen Jahren einige Fortschritte gemacht wurden. Ebenso wissen wir, dass es noch ein weiter Weg ist. Dabei werden Spannungen und Streitigkeiten nicht vermeidbar sein doch wir stellen uns diesen Herausforderungen und wollen auf Augenhöhe mit den Betroffenen diskutieren.

Als Jusos lehnen wir die These nach einer Bringschuld von Migrantinnen und Migranten ab. Die Grundlage unserer Gesellschaft ist die freiheitlich-demokratische Grundordnung nach dem Grundgesetz, auf dessen Grundlage alle Menschen, gleich welcher Nationalität, Religion, Geschlecht oder sexueller Identität zusammenleben. Bei der Integration von Menschen aus anderen Staaten, egal aus welchen Gründen sie nach Deutschland gekommen sind, ist eine beidseitige Anstrengung unerlässlich. Der Integrationswille kann unserer Ansicht nach nicht entstehen, wenn eine Gesellschaft die dafür erforderlichen Voraussetzungen verweigert. Dieser Antrag beschreibt Fehler und Missstände des bestehenden Systems und stellt konkrete Forderungen auf, die uns unserem Ziel nach einer Gesellschaft ein großes Stück näher bringen soll.

Bildung, Bildung, Bildung!

Menschen mit Migrationshintergrund sind in unserem Bildungssystem immer noch stark benachteiligt. Es gibt zahlreiche Faktoren in unserem Bildungssystem, die zu einer solchen Benachteiligung führen. Wir Jusos wollen diesen Zustand nicht weiter hinnehmen und ein gerechtes Bildungssystem für alle Menschen schaffen, die bei uns leben. Wir Jusos fordern daher auch weiterhin die Beitragsfreiheit von Kindergärten und Kitas sowie drei verpflichtende Kindergartenjahre. Um allen Kindern die gleichen Startmöglichkeiten zu bieten, fordern wir die integrierte Sprachförderung in den Alltag von Kindertageseinrichtungen. Sprachförderung soll kein stupider Sprachunterricht sein, sondern gelebte Sprachbildung. Kinder müssen zu Wort kommen, ihre Sprache muss durch gemeinsames Singen oder Vorlesen geschult und ihr Sprachschatz erweitert werden. Sprachförderung muss nach diesem integrierten Konzept Grundbestandteil im Alltag einer Kita/Krippe sein und darf nicht erst als nachsorgende Maßnahme bei Defiziten einsetzen. Sprachtest lehnen wir im Zuge des Konzeptes ab, da sie ein Bestandteil des defizitorientierten Lernens sind und zu einer Separierung im Lernprozess führen.

Der Anteil von LehrerInnen mit Migrationshintergrund muss deutlich steigen. Durch mehr LehrerInnen mit Migrationsgeschichte kann die Kommunikation zwischen den Eltern und den Lehrkräften erleichtert werden. SchülerInnen haben so positive Identifikationsfiguren, die eine ähnliche Migrationserfahrung in ihrer Familie haben. Junge Menschen benötigen Vorbilder. LehrerInnen mit Migrationshintergrund können bereits für Kinder und Jugendliche als Beispiele für die Aufstiegschancen von Menschen mit Migrationshintergrund wirken. Gleichzeitig wirken diese Lehrkräfte auch als positive Beispiele gegenüber den Kindern ohne Migrationshintergrund.

Die Einführung von verpflichtendem Ethikunterricht anstatt Religionsunterricht an den Schulen ist unausweichlich für ein besseres Verständnis anderer Kulturen. Als Jusos steht für uns fest, dass junge Menschen, ganz gleich welcher Herkunft, durch Ethikunterricht gemeinsame Werte kennenlernen, die eine Grundlage für friedliches Miteinander bietet. Religion kann als nicht versetzungsrelevantes Wahlfach weiterhin zusätzlich gewählt werden.

Der Erwerb von interkultureller Kompetenz innerhalb der Ausbildung von LehrerInnen und ErzieherInnen ist ein sinnvoller Beitrag für ein besseres gegenseitiges Verständnis. Von Seiten der Schulen müssen Eltern mit Migrationsgeschichte verstärkt aufgefordert und dabei unterstützt werden, sich an der Arbeit der Schulfamilie zu beteiligen.

Integration durch Partizipation

Viele Menschen, die in Deutschland leben, haben hier weder aktives noch passives Wahlrecht. Konservative Kräfte blockieren seit Jahren die Einführung eines Wahl-rechts für Menschen aus nicht EU-Staaten. Wir Jusos wissen, dass Integration nur über Partizipation am gesellschaftlichen und politischen Leben funktioniert. Wir fordern deshalb dringend die Einführung des kommunalen Wahlrechts für alle Menschen, die seit über einem Jahr in Deutschland wohnen. Des Weiteren müssen die Möglichkeiten ausgebaut werden, wie sich Menschen ohne deutschen Pass trotzdem in die Politik einbringen können. In der baden-württembergischen Gemeindeordnung muss daher ein Passus eingefügt werden, in dem ein sogenannter Migrationsbeirat als Beteiligungsmodell explizit vorgesehen ist. Dieser Migrationsbeirat soll auf kommunaler Ebene den Gemeinderat und die Verwaltung in allen Fragen der Integration beraten. Die Gremiumsmitglieder sollen sich selbst vorschlagen können und werden vom Gemeinderat ernannt. Mitglieder des Gemeinderats sollen an den Treffen des Beirates regelmäßig teilnehmen. Der Beirat kann bei Bedarf Sachverständige in ihre Reihen kooptieren. Die Beratungsfunktion soll jedoch keine langfristige Lösung sein: Ziel ist es vielmehr, mehr Menschen mit Migrationshintergrund schneller und einfacher einzubürgern und dann in Gemeinderäte. Ortschaftsräte usw… zu bringen. Aktive Partizipation ist in jedem Fall besser als Beratungsfunktionen.

Menschenwürdige Asylpolitik

Flüchtlinge und AsylberwerberInnen sollen in Baden-Württemberg und ganz Deutschland ein menschenwürdiges Leben führen können. Dafür haben sich die Jusos Baden-Württemberg schon seit langer Zeit eingesetzt. Für uns war immer klar: die Gesellschaft kann nur so gut sein, wie sie auch mit den Schwächsten und Hilfsbedürftigen umgeht. Die grün-rote Landesregierung hat die teils sehr prekäre Situation der AsylbewerberInnen erkannt und hat bereits erste, wichtige Schritte auf dem Weg zur Verbesserung der Lebenssituation von Flüchtlingen und AsylbewerberInnen unternommen.

Eine der zentralen Reformen stellt die Lockerung der Residenzpflicht dar. Diese Lockerung der Residenzpflicht innerhalb Baden-Württembergs ermöglicht es den Menschen,, sich nun ungehindert innerhalb der Landesgrenzen bewegen zu können. Eine Sondererlaubnis bei Verlassen der Stadt oder des Landkreises muss nicht mehr eingeholt werden. Des Weiteren unterstützt die neue Landesregierung eine Bundesratsinitiative zur generellen Aufhebung der Mobilitätsbeschränkung. Die Jusos Baden-Württemberg begrüßen diese ersten Reformen, sehen darüber hinaus aber noch deutlichen Handlungsbedarf.

Das Asylbewerberleistungsgesetz wollen wir abschaffen und Asylsuchenden Leis-tungen nach dem SGB-II (Hartz-IV) bzw. SGB XII (Sozialhilfe) gewähren. Damit wä-ren Asylsuchende nicht mehr auf diskriminierende Sachleistungen und ein mickriges „Taschengeld“ angewiesen. Dass die Leistungen für Asylsuchende noch deutlich unter denjenigen Leistungen liegen, die Deutschen das Existenzminimum sichern sollen ist ein Skandal, den wir nicht länger hinnehmen wollen. Jeder Mensch in Deutschland hat das gleiche Anrecht darauf, dass seine Existenz gesichert ist. Besonders wichtig ist uns die Verbesserung der medizinischen Versorgung der Asylsuchenden. Die derzeitige Beschränkung auf eine reine Notfall- und Schmerzversorgung lehnen wir ab. Mit der Aufhebung des Asylbewerberleistungsgesetzes soll sich auch die unmenschliche Wohnsituation der Betroffenen verbessern. Die Pflicht, in Gemeinschaftsunterkünften zu wohnen lehnen wir ab. Vielmehr sollen die Asylsuchenden das Recht haben, in einer eigenen, angemessenen Wohnung zu leben In jeder Unterkunft muss die Sozialbetreuung und Integrationsförderung durch SozialarbeiterInnen angeboten werden. Diese muss weiter ausgebaut und mit den nötigen Geldmitteln ausgestattet werden.

Wir Jusos sind dagegen, dass 16- und 17- jährige Jugendliche ausländerInnenrechtlich als handlungsfähig eingestuft und somit wie Erwachsene behandelt werden. Dies ist ein klarer Verstoß gegen die UN-Kinderrechtskonvention. Alle unbegleitet minderjährigen Flüchtlinge sollen einen Vormund oder eine Vormündin gestellt bekommen, der oder die sie bei ihrem Asylverfahren unterstützt. Zudem bedarf es einer altersentsprechenden Unterbringungsform, bei der eine pädagogische, medizinische und psychologische Betreuung sichergestellt werden kann. Eine Unterbringung in der Gemeinschaftsunterkunft kann dies nicht gewährleisten. Wir plädieren stattdessen für eine Unterbringung in einer Jugendhilfeeinrichtung.

Wir fordern weiter einen ungehinderten Zugang zu medizinischer Versorgung. Diese darf sich nicht nur auf die Behandlung von akuter Erkrankung und Schmerzzuständen beschränken, sondern umfasst auch präventive Maßnahmen oder die Behandlung von chronischen Erkrankungen. Wir fordern eine Aufnahme von Flüchtlingen in die gesetzliche Krankenversicherung.

Nur durch die Aufnahme von Arbeit können sich Flüchtlinge unabhängig von Sozialleistungen aus Asylbewerberleistungsgesetz machen. Die Ergänzung des Aufenthaltsgesetzes um den § 25 a begrüßen wir. Damit haben junge Bleibeberechtigte die Möglichkeit, über eine Integration in den Arbeitsmarkt einen dauerhaften Aufenthaltstitel zu erwerben. Allerdings ist die Begrenzung des Personenkreises der 15 - 21-jährigen zu eng gefasst. Wir fordern eine deutliche Ausweitung. Wir fordern die Abschaffung der Vorrangprüfung.

Einzelne Landkreise bieten Rückkehrberatung an, die interessierte Flüchtlinge bei der freiwilligen Rückkehr in ihr Heimatland unterstützt. Die Rückkehr kann für Flüchtlinge der Ausweg aus einer Situation ohne Lebensperspektive in Deutschland sein. Obwohl wir grundsätzlich eine restriktive Ausländerpolitik ablehnen, darf das nicht zu einer Beratungsverweigerung führen. In jedem Landkreis soll eine Rückkehrberatung angeboten werden. Die einzelnen Rückkehrberatungen schließen sich in einem Netzwerk zusammen. Ebenso sollen Netzwerke zu und in den Herkunftsländern hergestellt werden. Denn eine Unterstützung nur bis zur Grenze greift zu kurz. Die Rückkehrberatungsstellen werden langfristig gesichert mit finanziellen Mitteln ausgestattet.

Psychosoziale Zentren für traumatisierte Flüchtlinge und Folteropfer leisten eine äußerst wichtige Arbeit zur Verbesserung des Gesundheitszustandes einer besonders verletzlichen Personengruppe. Wir begrüßen, dass diese Zentren von der grün-roten Landesregierung erstmalig mit einem langfristig angelegten Landeszuschuss gefördert werden. Weiterhin bedarf es einen Ausbau der Zentren, damit der Bedarf allerorts gedeckt werden kann und unzumutbar weite Anreisewege wegfallen.

Kindern und Jugendlichen darf aufgrund ihres rechtlichen Status der Zugang zum Bildungssystem nicht verwehrt werden. Das Recht auf Bildung steht auch Kindern und Jugendlichen mit unsicherem Bleibestatus zu. Wir fordern daher eine sofortige Schulpflicht und eine komplette Öffnung deutscher Bildungsinstitutionen für alle in Deutschland lebenden Kinder und Jugendliche.

Für eine gelingende Integration ist der Spracherwerb essentiell. Sprach- und Integrationskurse werden zumeist nur für anerkannte Flüchtlinge finanziert. Alle anderen Flüchtlinge sind auf die kostenlosen Angebote von sozialen Einrichtungen oder Privatpersonen angewiesen. Wir fordern das Sprach- und Integrationskurse für alle Flüchtlinge geöffnet und finanziert werden.

Integration auf dem Arbeitsmarkt

Viele Menschen kommen aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland. Die Situation in ihrem Heimatland ist oftmals so unerträglich, dass sie ihre gewohnte Umgebung verlassen müssen, in der Hoffnung, in Deutschland Arbeit zu finden. Wir Jusos stellen fest, dass der Arbeitsmarkt in Deutschland auch in Zukunft auf Menschen mit Migrationshintergrund angewiesen ist. Dies gilt nicht nur für SpezialistInnen im Zuge der Diskussion um den sogenannten Fachkräftemangel sondern auch für alle anderen Bereiche des Arbeitsmarktes. Insbesondere im Bereich der Pflege herrscht durch den demografischen Wandel akute Unterversorgung.

Wir Jusos stellen uns jedoch auch klar gegen die einseitigen Beschäftigungsverhältnisse von Migrantinnen und Migranten. Derzeit arbeiten 42% der weiblichen Personen mit Migrationshintergrund in der Gastronomie und 60% der männlichen Personen in der Produktion. Diese einseitigen Beschäftigungsverhältnisse gilt es, vor allem durch Bildungsinvestitionen und Aufklärungskampagnen zu überwinden, damit Menschen mit Migrationshintergrund in allen Berufsgruppen vertreten sind. Hier muss vor allem auch den ArbeitgeberInnen klar gemacht werden, dass sie in großem Umfang von MitarbeiterInnen mit Migrationshintergrund profitieren können.

Jobcenter-Willkür und ablehnende Haltungen gegenüber ausländischen ArbeitnehmerInnen bekämpfen wir Jusos aktiv. Immer wieder geraten Berichte, wonach Menschen aufgrund ihres Namens oder ihrer Herkunft bei der Jobsuche benachteiligt werden, an die Öffentlichkeit. Eindeutig messbar ist, dass ArbeitnehmerInnen mit Migrationshintergrund in wirtschaftlichen Krisenzeiten schneller entlassen werden als ihre deutschen KollegInnen. Auch bei der Vergabe von Ausbildungsplätzen kommt es immernoch zu einseitiger Bevorzugung von „Deutschen“, trotz gleichwertiger Schulabschlüsse. Vor dem Hintergrund dieses Dilemmas, das systematisch Menschen anhand ihres Namens bzw. ihrer Herkunft ausgrenzt werden, fordern wir Jusos die Einführung anonymisierter Bewerbungen. So können ArbeitnehmerInnen Menschen nicht anhand ihres Namens oder ihres Geschlechts ablehnen. Des Weiteren fordern wir, dass dieser Schritt zur besseren Durchsetzung, in Landesbehörden und in staatseigenen Betrieben in Baden-Württemberg eingeführt wird um eine Signalwirkung zu erzielen.

Die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund auf dem Arbeitsmarkt scheitert oft an deren Bildungsabschlüssen. Ausländische Bildungsabschlüsse werden in Deutschland und auch in Baden-Württemberg teilweise grundlos abgelehnt. Das Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz (BQFG) ist ein erster Schritt zu einer erleichterten Anerkennung. Das BQFG muss aber deutlich nachgebessert werden. Wir fordern einen Anspruch auf eine Begleitberatung und den Anspruch auf Nachqualifizierung, damit Menschen mit ausländischen Qualifikationen auch die Möglichkeit erhalten, Defizite auszugleichen. Wir fordern auch, dass praktische Fähigkeiten und Fertigkeiten bei der Gleichwertigkeitsprüfung stärker beachtet werden.

Des Weiteren fordern wir eine Abkehr von der sogenannten Optionsregelung bei StaatsbürgerInnenschaft. Es ist unerträglich, dass junge Deutsche mit Migrationshintergrund gezwungen werden sollen, eventuelle die deutsche StaatsbürgerInnenschaft mit 23 Jahren abzugeben.

Wir Jusos sehen Mehrstaatlichkeit als eine Chance für unser Land und wollen diese auch rechtlich ermöglichen um betroffenen Personen diesen Gewissenskonflikt zu ersparen. Bereits jetzt wird bei mehr als der Hälfte der Einbürgerungsverfahren die Mehrstaatigkeit hingenommen. Die Doppelte StaatsbürgerInnenschaft ist damit bereits jetzt der Regelfall. Daher fordern wir dringend die Einführung beziehungsweise Legalisierung der doppelten StaatsbürgerInnenschaft.

Im öffentlichen Dienst kann die Politik konkreten Einfluss nehmen. Hier zeigt sich, dass jahrzehntelange CDU-Herrschaft Menschen mit Migrationshintergrund vom Staat als Arbeitgeber abgehalten hat. Weniger als 1% der Beschäftigten im öffentli-chen Dienst (in Baden-Württemberg) haben einen Migrationshintergrund. Diese Zahl ist erschreckend, da sie als Indikator der Identifizierung von MigrantInnen mit dem Staat dienen kann. Deswegen brauchen wir sie dort!

Der öffentliche Dienst schafft wie kaum ein anderer Berufszweig Zugang zur Bevöl-kerung. Jede/r hat früher oder später mit Ämtern, Polizei, KrankenpflegerInnen oder Lehrerinnen und Lehrern zu tun. Es muss daher unser Ziel sein, in diesen Berufen ein Abbild unserer Gesellschaft herzustellen. Ein/e türkischstämmige/r PolizistIn kann bei einem Einsatz besser mit Menschen mit türkischem Migrationshintergrund bzw. ganz anders auftreten oder reagieren als ihr deutscher Kollege oder deutsche Kollegin.

Wir Jusos fordern daher den Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund im öf-fentlichen Dienst in Baden-Württemberg bis Ablauf der Legislaturperiode zu verdop-peln. Dazu fordern wir geeignete Kampagnen von Seiten der Landesregierung, die Menschen mit Migrationshintergrund für die Arbeit im öffentlichen Dienst begeistern sollen. Langfristig muss es eine Selbstverständlichkeit sein, dass alle Menschen, gleich welcher Herkunft im öffentlichen Dienst, genauso wie in jedem anderen Job, vertrauensvoll zusammenarbeiten.

Innerhalb der SPD

Die SPD ist die Integrationspartei. Dies wird zum einen in den politischen Forderun-gen zur konkreten Gestaltung moderner Integrationspolitik deutlich, muss sich aber noch verstärkter in der Organisations- und Mitgliederstruktur der SPD wiederfinden.

Die SPD ist ihrem historischen Verständnis Integrationspartei. Sie ist politische Hei-mat für Menschen mit verschiedenster Herkunft Die SPD muss weiterhin gezielt auf Menschen mit Migrationshintergrund zugehen und diese Personengruppe mit ihren wertvollen Erfahrungen und Kompetenzen für eine Mitarbeit gewinnen.

Bei der Ansprache von InteressentInnen ist auf die Verwendung von Alltagssprache zu achten. Abgehobenes, politisches Fachvokabular erzielt eine eher abschreckende Wirkung. Hinter jeder Ansprache sollte ein ehrliches Interesse am Gegenüber stehen. Mit Standartformulierungen kann man die Menschen nicht erreichen, stattdessen sollte der Zugang individuell, zugeschnitten auf die Person und die Situation erfolgen. Kulturelle Kompetenz und ein gewisses Feingefühl ist unablässig. Gegen vereinzelte, ablehnende Haltungen gegenüber MigrantInnen innerhalb der SPD, vor allem auf Ortsvereinsebene, müssen vor allem wir Jusos Flagge zeigen.

In einer Mitgliederkampagne der Jusos BW werden Materialien speziell für die An-sprache junger Migranten und Migrantinnen zur Verfügung gestellt. Zudem werden Möglichkeiten geschaffen, einzelne Flyer und Informationsmaterial mehrsprachig zu gestalten.

Wir müssen und werden mit MigrantInnenverbänden und –vereinen im kontinuierli-chen Dialog stehen, mit ihnen gemeinsam Themen entwickeln, diese platzieren und in unsere Arbeit einfließen lassen. Menschen mit Migrationshintergrund sind ExpertInnen für ihre Belange. Eine Reduktion der Personengruppe alleine auf Integrationsthemen ist jedoch falsch.

Besonders beim Thema Integration ist eine breite gesellschaftliche Verankerung gefragt. Nur so kann eine Brücke zur Partei hergestellt werden. Aktive SozialdemokratenInnen in Vereinen und Verbänden dienen als MultiplikatorInnen unserer sozialdemokratischer Ideen und Werte. Gleichwohl dienen sie als Vorbilder, die verdeutlichen, dass man durch persönlichen Einsatz vor Ort in der Gemeinde, aber auch in der Partei, Veränderungen herbeiführen kann.

Personen mit Migrationshintergrund müssen auf den Wahllisten, aber auch in Vor-ständen und sonstigen parteilichen Gremien viel stärker als bisher vertreten sein. Wenn wir eine stärkere Repräsentation der verschiedenen MigrantInnengruppen in der SPD fordern, dann bezieht sich dies auch ausdrücklich auf die Führungspositionen. Für die Durchsetzung dieses Ziels werden wir als Jusos uns auf allen Ebenen einsetzen. Unsere Vision einer gemeinsamen Gesellschaft geben wir auch innerhalb der SPD nicht auf. Wir lehnen die Einführung einer MigrantInnen-Quote für die Besetzung von Parteiämtern ab. Die SPD muss auch ohne Quote beweisen, dass sie es ernst meint mit der Förderung von Menschen mit Migrationshintergrund. Bei der Kommunalwahl im Frühjahr 2014 müssen daher Personen mit Migrationshintergrund stark auf den kommunalen Wahllisten, insbesondere auf aussichtsreichen Listenplätzen vertreten sein. Dies erreichen wir durch eine frühzeitige Ansprache, sowie durch Schulungs- und Qualifizierungsmaßnahmen, auch speziell für diese Personengruppe. Innerparteiliche Zusammenschlüsse bieten ein Forum für Menschen mit Migrati-onshintergrund in der SPD. Sie sollen zum einen Menschen für die Arbeit in der SPD mobilisieren, aber auch die Interessen von Menschen mit Migrationshintergrund inhaltlich vertreten. Wir Jusos unterstützen diese Zusammenschlüsse und arbeiten mit ihnen zusammen.