Endlich geschlechtergerechte Strukturen schaffen: notwendige Maßnahmen in der Arbeits- und Sozialpolitik

Aus SPD Baden-Württemberg
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Beschluss des Juso-Landesausschuss am 16. September 2012 in Aalen

Unter dem Schlagwort „Gleichstellung“ versteht ein Großteil der Gesellschaft heutzutage genau zwei Dinge: die Beseitigung der Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern und eine Quote für Aufsichtsräte. Wenn überhaupt. Viele glauben, es sei schon alles erreicht. Andere halten kleine Schönheitskorrekturen auf dem Arbeitsmarkt für ausreichend. Beide sitzen einem Trugschluss auf – die strukturelle Diskriminierung von Frauen ist nicht verschwunden, sondern allgegenwärtig – nur eben nicht mehr so offensichtlich wie noch vor dreißig Jahren.

Formal sind die Geschlechter gleichberechtigt, in der Praxis dagegen verdienen Frauen signifikant weniger, sind häufig in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt, leisten den Löwinnenanteil an Kindererziehung, der Pflege von Angehörigen und natürlich dem Haushalt, sind weder in der Wirtschaft, der Wissenschaft noch in der Politik ihrem Anteil der Bevölkerung entsprechend in Machtpositionen vertreten und werden häufiger Opfer sexueller Diskriminierung in all ihren Facetten. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Sicher, seit den 1970er Jahren gab es einige Veränderungen zum Guten – insbesondere der erheblich gestiegene Anteil an erwerbstätigen Frauen. Die Aufnahme einer bezahlten Berufstätigkeit ist unendlich wichtig für die Emanzipation – denn ein eigenes Einkommen bedeutet gesteigerte finanzielle Unabhängigkeit. Auch haben Frauen frühere Männerdomänen erfolgreich „erobert“.

Diese sichtbare Verbesserung verschleiert jedoch die Tatsache, dass Frauen als Kollektiv nach wie vor strukturell und systematisch benachteiligt sind: auf dem Arbeitsmarkt, im Bereich von Steuern, Renten und natürlich der unbezahlten Reproduktionsarbeit.

Ursachen

Zumindest in westlichen Gesellschaften ist Erwerbsarbeit ein zentrales Strukturelement, an das nicht nur Leistungen und Pflichten sondern sogar das eigene Selbstverständnis geknüpft sind. Nur wer bezahlter Arbeit nachgeht, kann in vollem Umfang gesellschaftlich teilhaben. Sozialleistungen wie Rente, Arbeitslosengeld, Krankenversicherung und vieles mehr sind an die Höhe des Einkommens bzw. an die Existenz eines Einkommens überhaupt gekoppelt. Wichtige soziale Rechte sind also untrennbar mit Erwerbsarbeit verbunden. Auch die Staatseinnahmen speisen sich zu einem nicht unerheblichen Teil aus der Einkommenssteuer. Als gute Bürger (an dieser Stelle wird bewusst die männliche Form verwendet) gelten diejenigen, die Steuern zahlen.

Da nach wie vor überwiegend Frauen die Verantwortung für Reproduktionsarbeit (Kindererziehung , Haushalt etc.) übernehmen, weisen ihre Erwerbsbiographien Lücken auf – einige Frauen sind nicht (mehr) berufstätig, legen Babypausen ein, arbeiten in Teilzeit und sind zudem generell stärker im Niedriglohnsektor oder in Jobs ohne Aufstiegsmöglichkeiten vertreten. Genannt sei hier als Beispiele nur der Dienstleistungssektor ein Bereich, in dem die Gehälter lachhaft gering sind.

Die Nachteile liegen auf der Hand – niedrige Einkommen bedeuten geringere Kaufkraft und schlechtere finanzielle Absicherung, z.B. über die gesetzliche Rente.

Sollen Frauen also einfach mehr arbeiten und sich vor allem die richtigen Jobs suchen? Alles selbstverschuldete Unmündigkeit?

Wir Jusos wollen den Spieß umdrehen. Frauen leisten durch ihre unbezahlte Arbeit etwa im Bereich von Kindererziehung und Haushalt einen unermesslichen volkswirtschaftlichen Beitrag in Billionenhöhe. Sie sind es außerdem, die das wichtigste Gut einer Gesellschaft hegen und pflegen und deren Zukunft sichern: Kinder. Die Übernahme der Verantwortung für Reproduktionsarbeit durch Frauen verschafft Männern einen unfassbaren Ressourcenvorsprung. Dadurch, dass sie diese Tätigkeiten bisher erfolgreich abwälzen, verfügen sie sowohl über immens mehr Zeit als auch mehr Geld. Dieses Phänomen wird auch als Trittbrettfahrertum bezeichnet.

Reproduktionsarbeit wird in unserer Gesellschaft nur ein geringer Stellenwert beigemessen. Schließlich wird im Kapitalismus alles, was wertvoll ist, monetär vergütet – nur Erziehung, Haushalt und Pflege gelten als Privatangelegenheit, als Liebesdienst. Mittels dieser Qualifizierung gelingt es immer noch, Frauen in Abhängigkeit zu halten.

Im Übrigen erklärt sich somit auch der schlechte Verdienst etwa im Pflegesektor – die Tätigkeiten dort werden lediglich als eine Ausweitung des selbstverständlich kostenlosen Dienst am Nächsten gesehen. Darüber hinaus gelten alle weiblich konnotierten Jobs als nebensächlich und sind implizit weniger wert – die wahre Domäne der Frau ist schließlich der Haushalt, ihre Erwerbstätigkeit kann folglich nur ein Zubrot sein.

Vor dem Hintergrund der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung wird die Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt klarer. In diesem Kontext spricht man von horizontaler und vertikaler Segregation von Frauen und Männern. Horizontale Segregation bezieht sich auf die Konzentration eines Geschlechts auf einige wenige Branchen – etwa Frauen in Dienstleistungsberufen, Männer in der Chemie- und Metallindustrie etc. Diese Trennung basiert auf den immer noch sehr beliebten Geschlechterrollenbildern – junge Frauen werden dazu angehalten, gemäß ihrer Sozialisation und ihrer vermeintlichen Eignung, fürsorgliche, kommunikative und ähnliche Berufe anzuvisieren. Dementsprechend entscheiden sich auch viele junge Männer für männlich konnotierte Tätigkeiten – im Bereich von Technik, Geld etc.

Auch die vertikale Segregation, das Phänomen, dass Frauen in beinah jeder Branche eher in den unteren Hierarchieebenen vertreten sind, ist eng mit der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung verknüpft – gleichgültig, was sie tatsächlich leisten. Eine Studie des Bundesfamilienministeriums hat ergeben, dass die Einstellung von Managern gegenüber weiblichen Beschäftigten der entscheidende Hinderungsgrund für das Fortkommen von Frauen ist. Entweder möchte der konservative Typ von Manager in seinem Führungszirkel unter sich bleiben, also nicht von Frauen „gestört“ werden, deren Rolle er primär darin sieht, den Männern den Rücken freizuhalten. Der liberalere Typ Manager meint dagegen, dass das Klima im oberen Management einfach zu rau für die zartbesaiteten Frauen sei und ihnen zu viel abverlange. Der radikal-individualistisch orientierte Manager glaubt an die Durchlässigkeit des Systems und nimmt an, die Unterrepräsentanz von Frauen liege alleine an ihrem mangelnden Aufstiegswillen und ihrer fehlenden Qualifikation.

Alle drei Denkmuster stehen der Gleichstellung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt diametral entgegen. Dabei sind Mentalitäten und Stereotype deshalb so wichtig, weil es nur einen geringen Formalisierungsgrad von Beförderungen und der Vergabe von Jobs generell gibt. Soll heißen, die meisten Beförderungen werden in kleinen, informellen Zirkeln entschieden, wo die Qualifikation nur ein Kriterium unter vielen ist.

Traditionelle Rollenbilder, die Frauen vor allem in der privaten Sphäre von Kindererziehung und Hausarbeit, Männer in der öffentlichen Sphäre von bezahlter Arbeit und Machtausübung generell verortet sehen, schaden beiden Geschlechtern. Sie beschränken die Entscheidungsfreiheit und Handlungsmacht von Frauen wie Männern empfindlich, auch wenn den Einzelnen das nicht immer bewusst ist.

Forderungen

Paritätische Elternzeit

Reproduktionsarbeit, also Haushalt, Nachwuchs und die Pflege von anderen Angehörigen muss gerecht aufgeteilt werden. Es muss Männern ermöglicht werden, hier ihren Teil der Verantwortung zu übernehmen. Mit zwei Monaten Väterzeit ist es nicht getan. Wir Jusos fordern deshalb die paritätische Aufteilung von Elternzeit. Das Elterngeld soll nur dann in voller Höhe ausbezahlt werden, wenn sich die Väter mindestens sieben Monate beteiligen.

Entprivatisierung von Kindererziehung

Kindererziehung ist keine reine Privatangelegenheit, deren volle Verantwortung (wie bisher) auf die Individuen abgewälzt werden kann. Kinder stellen eine Bereicherung für die ganze Gesellschaft dar – deshalb sollen öffentliche und beitragsfreie Betreuungseinrichtungen die Eltern entlasten.

Geschlechtergerechte Erziehung

Schulen und Universitäten sollen ihre Vorbildfunktion nutzen, Kindern und jungen Erwachsenen das Ideal der Gleichstellung zwischen Frauen und Männern zu vermitteln. Dies fängt schon bei der geschlechtsneutralen Vermittlung von Fächern an – Naturwissenschaften sollen nicht länger Männerdomäne, Sprachen und Geschichte etc. nicht mehr Frauendomäne sein. Jungen werden aktiv ermutigt, sich in „spezifisch weiblichen“ und Mädchen sich in „spezifisch männlichen“ Fächern zu engagieren. Wir fordern auch die Abschaffung der Geschlechtertrennung im Sportunterricht.

Wir setzen uns für eine explizite Überwindung traditioneller Rollenbilder für beide Geschlechter ein. Nicht nur sollen Frauen von der alleinigen Verantwortung für Haushalt, Kindererziehung etc. entlastet werden, auch Männer sollen von dem auch in der Gegenwart vorherrschenden Druck frei sein, immer als Familienernährer zu gelten. Somit bedeutet die Überwindung von Geschlechterstereotypen mehr Freiheiten für Frauen wie Männer.

Quoten in Erziehungs- und Pflegeberufen und finanzielle Aufwertung

Auch bei staatlichen Betreuungseinrichtungen muss darauf geachtet werden, die Aufgaben von Erziehung und Pflege nicht nur von einer Gruppe von Frauen an eine andere weiterzureichen. Wir Jusos wollen aktiv Anreize setzen, den Anteil von männlichen Kräften in diesen Bereichen zu steigern – Ziel ist eine Geschlechterquote von 40%.

Außerdem müssen diese Berufe die Anerkennung erfahren, die sie verdienen. Der Dienst am Menschen darf nicht geringer entlohnt werden als etwa Arbeit am Band. Die Einführung von Mindestlöhnen stellt hierzu einen ersten Schritt dar.

Öffentliche Unterstützung von Gleichstellung abhängig machen

Der Staat hat die Möglichkeit und die Pflicht, finanzielle Unterstützungsleistungen an die Erfüllung einiger grundlegender Kriterien zu knüpfen. Gleichstellung muss eines davon sein. So soll etwa die Förderung von Universitäten – in diesem Fall durch die Länder – an die Einhaltung der DFG-Gleichstellungsstandards gebunden sein. Gibt es in förderungswürdigen Institutionen noch keine solchen Gleichstellungsstandards, so sollen diese von staatlicher Seite vorgegeben werden.

Ehegattensplitting und beitragsfreie Mitversicherung abschaffen

Auch Steuern erfüllen eine klare Regelungs- und Kontrollfunktion. Deshalb gilt es, staatliche Anreize, die nachweislich traditionelle Rollenbilder befördern, abzuschaffen. Prominentester Fall sind hier das Ehegattensplitting und die beitragsfreie Mitversicherung von Hausfrauen. Stattdessen fordern wir eine Familienförderung, die sich an dem Leitsatz orientiert: Familie ist da, wo Kinder sind. Gleichzeitig müssen Alternativen zur beitragsfreien Mitversicherung von Hausfrauen/Hausmännern entwickelt werden, an dieser Stelle einer Unabhängigkeit vom Partner/der Partnerin sicher stellen.

Flexibilisierung der Arbeitszeit

Eltern soll es möglich sein, auch in einem Vollzeitjob die Erziehung von Kindern/Pflege von Angehörigen zumindest teilweise zu übernehmen. Nötig hierzu sind flexible Arbeitszeiten und die Einrichtung von Heimarbeitsplätzen.

Verbindliche Quoten in Unternehmen schaffen

Macht ist männlich, denn Frauen in Führungspositionen sind rar. Gerade bei Entscheidungen von größter Tragweite werden Frauen nur aufgrund ihres Geschlechts ausgeschlossen. Die Vergangenheit hat zudem gezeigt, dass die Selbstverpflichtungen der Wirtschaft reine Augenwischerei waren. Deshalb muss der Gesetzgeber eine verbindliche Frauenquote von 40% in Aufsichtsräten und Vorständen einführen, und zwar nicht nur in börsennotierten Unternehmen. Außerdem muss die Quote auch auf das mittlere Management ausgeweitet werden.