Einführung eines vegetarischen Wochentags in den Kantinen aller öffentlichen Einrichtungen

Aus SPD Baden-Württemberg
Wechseln zu: Navigation, Suche

Beschluss des Juso-Landesausschusses am 11. September 2011 in Heilbronn

Einführung eines vegetarischen Wochentags in den Kantinen aller öffentlichen Einrichtungen

Einleitung und Analyse

Aus unserem täglichen Brot ist unser tägliches Fleisch geworden. Der Fleischkonsum in der Bundesrepublik Deutschland ist zwischen 1960 und heute (2010) um 33 % gestiegen. Momentan verbraucht eine DurchschnittsbürgerIn 88,2 kg [1] Fleisch im Jahr, der Verzehr liegt bei 60,5 [2] kg. Die Bundesrepublik zählt zur Top 5 der weltweiten Fleischerzeuger und produzierte alleine im Jahr 2010 8,0 Millionen gewerbliche Tonnen. Damit ist Deutschland Europameister in der Fleischherstellung. Auch unser Fischverbrauch hat sich in den letzten Jahren weiter erhöht und liegt nun bei über 15,7 Kilogramm pro Jahr und Kopf.

Die Unaufhörlich steigende Produktion und der hohe Konsum fordern jedoch ihren unsichtbaren Preis. Ihre Auswirkungen auf Klima, Umwelt und die menschliche Gesundheit sind beträchtlich.

1.) Fleischkonsum ist eine Triebfeder der globalen Erwärmung

Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO stammen bereits heute 18 % der weltweiten Treibhausgasemissionen aus dem Tierwirtschaftssektor. Die Schätzungen gehen jedoch weit auseinander, andere Forschungseinrichtungen kommen zu weitaus höheren Zahlen. Fakt ist jedoch, dass die Fleischproduktion gewaltige Mengen schädlicher Klimagase freisetzt. In besonderer Weise gilt dies für die Rindfleischproduktion, die für gut ein Viertel der weltweiten Methan-Emissionen verantwortlich ist. Doch gerade Methan-Emissionen treiben den Klimawandel stark voran, denn Methan ist ca. 20‑25 Mal so klimschädlich, wie das viel zitierte CO2.

2.) Fleischkonsum trägt zur massiven Zerstörung der Regenwälder- und Savannengebiete bei

Die tropischen Regenwälder der Erde gelten nicht nur als „Lunge“ der Erde, sondern sind auch für ihre große Artenvielfalt bekannt. Dieses Idyll ist jedoch durch den ungebremsten Holzeinschlag und Raubbau, unter anderem in Brasilien und anderen südlichen Ländern, bedroht. Ein maßgeblicher Agitator hinter den Rodungen ist die Fleisch- und Futtermittelwirtschaft. Der Viehzuchtsektor benötigt im Moment 30 % der eisfreien Erdoberfläche zur Haltung der Tiere und den Anbau von Futtermitteln. Somit braucht die Tierwirtschaft 70 % der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche.

So verschwanden in Brasilien bereits über drei Viertel des Amazonasregenwaldes. Sie wurden zu zwei Dritteln in Ackerland zum Sojaanbau umgewandelt, der Rest überwiegend als Viehweiden genutzt. 90 % der Weltsojaernte werden jedoch zu Futtermitteln weiterverarbeitet. Besonders in Europa ist die Nachfrage nach Futtermitteln aus Übersee hoch, da hier längst nicht mehr genügend Anbaufläche zur Erzeugung heimischer Futtermittel zur Verfügung steht. 69 % der bundesdeutschen Futtermittel stammen daher aus Übersee und somit überwiegend aus ehemaligen Regenwaldgebieten. In der Regel müssen die intensiv bewirtschafteten Flächen auch bald wieder aufgegeben werden, da der Boden erschöpft oder erodiert ist. Dies hat die Rodung weiterer Flächen zur Folge und setzt somit einen Teufelskreis in Gang.

3.) Die Fischereiwirtschaft vernichtet Arten

Auch die Fischereiwirtschaft ist ein wesentlicher Akzelerator der globalen Artenvernichtung. Jahrhundertelang erschienen dem Menschen die Meere so weit, die Fischbestände so groß und die Arten so zahlreich, dass er sich keine Gedanken um eine etwaige Endlichkeit der Wasserlebewesen machte. Besonders im vergangenen Jahrhundert wurden dabei aber die Fischbestände dermaßen dezimiert, dass viele Arten komplett und manche zu großen Teilen für immer verschwanden. Der Raubzug in den Meeren schädigt das Ökosystem Wasser und könnte auf Dauer zu einem Kollaps der Ozeane führen.

4.) Fleisch- und Fischkonsum forcieren Verteilungskämpfe

Die derzeitig auf der Welt produzierte Menge an Nahrungsmitteln würde des Weiteren bereits ausreichen um 12 Milliarden Menschen mit Nahrung zu versorgen. Dass über eine Milliarde Menschen jedoch hungert, ist auch dem westlichen Fleischkonsum geschuldet. Die Folgen unserer „globalisierten Marktwirtschaft“ zeigen sich an folgendem Beispiel: Über 40 % der Weltgetreideernte werden inzwischen zu Futtermitteln verarbeitet, um die Tierverarbeitungs­maschinerie am Leben zu halten. Um ein Kilogramm Fleisch zu erzeugen werden sieben bis 16 Kilo­gramm Fleisch Futtermittel/Getreide benötigt. Alternativ ließen sich mit diesem Aufwand 160 Kilogramm Kartoffeln ernten. Die Viehzucht beansprucht somit genau diejenigen Ackerflächen, welche die Hungernden mit Nahrungsmitteln versorgen könnten. Der Kapitalismus verhindert jedoch eine gerechte Verteilung der Nahrungsmittel an alle Bedürftigen. Als weiteres Beispiel findet sich die industrialisierte Hochseefischerei, welche als mitverantwortlich für die Verelendung breiter Landstriche an der afrikanischen Küste angesehen werden muss. Durch die hoch technisierte Ausbeutung von küstennahen Fischfanggründen werden der lokalen Bevölkerung ihre natürlichen Lebensgrundlagen entzogen. Die Ausbreitung der Piraterie an der Küste Somalias muss auch als Folge dieser Entwicklung betrachtet werden.

5.) Fleischkonsum hat beträchtliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit

Der menschliche Körper bleibt von den Folgen des Fleischkonsums nicht verschont. Hierzulande sind die Folgekosten ernährungsabhängiger Krankheiten bereits heute als alarmierend einzustufen. Sie betragen jährlich über 70 Milliarden Euro [3], was etwa einem Drittel der Gesamtausgaben im Gesund­heitswesen entspricht. Dies ist ein nicht zu unterschätzender wirtschaftlicher Faktor. Bereits 2005 konnten Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen Fleischverzehr und erhöhtem Darmkrebsrisiko herstellen. Darmkrebs ist die zweithäufigste Tumorerkrankung in Deutschland. Generell wird Fleischkonsum auch mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Fettleibigkeit in Verbindung gebracht. Zunehmend kritisch wird in den letzten Jahren auch der Einsatz von Antibiotika in der konventionellen Tierhaltung betrachtet. Die Reste und Abbauprodukte der Arzneimittel lagern sich in den Tieren an und werden durch den Verzehr ihres Fleisches auch vom Menschen aufgenommen. Ob dies Spätfolgen für den Menschen hat, ist bis jetzt noch immer nicht ausreichend geklärt. Dies gilt besonders für Fleisch aus konventioneller Haltung und für Fischerzeugnisse wie zum Beispiel Lachs aus Zuchtfarmen (Norwegen, Schottland…). Gefahren für die Gesundheit gehen ferner von Schwermetallen (bes. Methylquecksilber und Cadmium) und Umweltgiften (wie Dioxine, PCBs) aus, die sich über die Nahrungskette besonders in den Körpern von Fischen anreichern und ebenfalls über die Nahrungsaufnahme in den menschlichen Körper gelangen.

Wir Jusos fordern daher:

-Verstärkte Aufklärung der Bevölkerung über die negativen Auswirkungen des Fleisch- und Fischkonsums.

Die Öffentlichkeit ist einstweilen noch immer nicht ausreichend über die Gefahren, die unser Fleisch- und Fischkonsum hervorruft, informiert. Wir machen uns daher für eine Aufklärungskampagne stark.

-Einführung eines vegetarischen Wochentags in allen öffentlichen Einrichtungen (Kitas, Schulen, Großküchen [Altenheime, Krankenhäuser…], Mensas und anderen öffentlichen Essensausgaben).

Unser ungebremster Fleisch- und Fischkonsum schädigt die Umwelt, wirkt sich negativ auf das Klima aus, fördert Verteilungskämpfe und birgt gesundheitliche Risiken. Ein fleisch- und fischloser Wochentag ist aus unserer Sicht jedoch ein entscheidender Beitrag dazu, der Öffentlichkeit das Thema näher zu bringen. Auch lässt sich dadurch in unserem unmittelbaren Handlungsumfeld direkt Positives bewirken:

ð In den Kitas beispielsweise ließen sich Kinder an eine gesündere und fleischlosere Ernährung heranführen. Denn in dieser entscheidenden Prägungszeit lässt sich eine „Generation Burger“, die ohne Bewusstsein für die Herkunft von Lebensmitteln und gesunde Ernährung aufwächst, noch verhindern.

ð Auch die anderen Altersklassen können durch den fleischlosen Wochentag direkt mit dem Thema in Kontakt gebracht werden. Er fördert in direkter Weise auch die Rückbesinnung auf saisonale und regionale Produkte.

[1] Nahrungsverbrauch, Futter, industrielle Verwertung, Verluste (einschl. Knochen)

[2] ohne Knochen, Futter, industrielle Verwertung und Verluste

[3] Nach Angaben der Bundesregierung von 2007 (http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Archiv16/Artikel/2007/05/2007-05-09-mehr-lebensqualitaet-durch-gesunde-ernaehrung-und-bewegung.html)