Ein moderner Arbeitsmarkt: familienfreundlich und vielfältig

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Ein moderner Arbeitsmarkt: familienfreundlich und vielfältig

Juristisch sind Frauen und Männer zwar gleichgestellt, ein Blick auf den Arbeitsmarkt zeigt aber, dass sie es faktisch nicht sind. Obwohl die Beschäftigungsquote von Frauen in den letzten Jahren massiv angestiegen ist, arbeiten Frauen dennoch im Durchschnitt 10% weniger als Männer (71,5% zu 81,8%). Blickt man auf die vollzeitäquivalente Beschäftigungsquote, so ist der Unterschied noch größer. Demnach sind 78,3% der Männer aber nur 55,2% der Frauen vollzeitäquivalent beschäftigt. Dieser Effekt verstärkt sich in Partnerschaften, in denen es Kinder gibt. In diesem Fall sinkt die Beschäftigungsquote von Frauen deutlich während Männer im Durchschnitt mehr arbeiten als ohne Kinder. Das zeigt: das traditionelle Familienmodell ist immer noch vorherrschend. Der Mann sorgt als Ernährer für das Einkommen der Familie, während die Frau mit ihrer Teilzeitarbeit zwar zum Lebensunterhalt beiträgt, sich aber immer noch hauptsächlich um die (unbezahlte) Erziehung der Kinder und die Pflege älterer Angehöriger kümmert.

Weil Frauen im Durchschnitt weniger arbeiten als Männer, sie überrepräsentiert sind im schlechter bezahlten sozialen Sektor und unterrepräsentiert in Führungspositionen von Unternehmen und weil Männer und Frauen teilweise bei gleicher Arbeit unterschiedlich bezahlt werden, unterscheiden sich die Durchschnittslöhne zwischen den Geschlechtern erheblich. Der unbereinigte Gender Pay Gap, die Differenz zwischen den durchschnittlichen Löhnen von Männern und Frauen, betrug 2013 in Deutschland 22%.

Das alles führt zu einem Abhängigkeitsverhältnis in den Partnerschaften, in denen nicht beide Partner gemeinschaftlich zum Lebensunterhalt beitragen. Zudem steigt das Armutsrisiko nach einer Trennung in diesen Fällen stark an. Betroffen davon sind vor allem ältere Frauen, die wenig in die Rentenkassen einbezahlt haben und deren Rente dementsprechend gering ausfällt. Auch Alleinerziehende (beiden Geschlechtes) haben ein höheres Armutsrisiko.

Wir Jusos Baden-Württemberg wollen das ändern. Wir möchten, dass jeder Mensch, unabhängig von seinem Geschlecht, die gleichen Chancen am Arbeitsmarkt hat. Dazu bedarf es staatlicher Maßnahmen, um die Entlohnung von Frauen und Männern anzugleichen und die Benachteiligung von Frauen in den sozialen Sicherungssystemen aufzuheben. Es bedarf großer Investitionen in die Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur.

Uns ist klar, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht nur Frauen betrifft, sondern für Männer ein ebenso wichtiges Thema ist. Wir wollen, dass Eltern Zeit mit ihren Kindern verbringen können, ohne dass sie in ihrem Arbeitsleben eingeschränkt werden. Dazu bedarf es weiterer Investitionen in die Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur, sowie Maßnahmen, die flexibel auf die besonderen Zeitbedürfnisse von Familien eingehen und das Fortkommen von Eltern im Arbeitsleben nicht hemmen. Über allem steht das Prinzip des Gender-Mainstreamings. Jede Maßnahme muss auf ihre Auswirkung auf die Geschlechter geprüft und regelmäßig kontrolliert werden.

Gleiche Entlohnung für Männer und Frauen

Nach wie vor sind Frauen in den Führungsetagen von Unternehmen stark unterrepräsentiert. Wir fordern deshalb die Einführung einer 40%-Geschlechterquote in den Vorständen und Aufsichtsräten großer Unternehmen. Der Anteil der Frauen im mittleren Management muss ebenfalls erhöht werden. Dies kann mit einem Kaskadenmodell erreicht werden. Danach orientiert sich der Frauenanteil in jeder Hierarchieebene an dem Frauenanteil in der darunter gelegenen Ebene.

Frauen sind in den niedrig entlohnten Pflege- und Betreuungsberufen überrepräsentiert. Deshalb bedarf es zum einen einer besseren Entlohnung in der Ausbildung und im Beruf. Die Einführung der praxisintegrierten Ausbildung beispielsweise zur Erzieherin und zum Erzieher (PiA) ist hierzu ein erster Schritt. Zum anderen muss konsequent gegen Geschlechterstereotype vorgegangen werden, um den Anteil der Männer in diesen Berufsgruppen zu erhöhen.

Wir begrüßen es, dass sich die Koalitionspartner im Bund auf die Einführung eines Entgeltgleichheitsgesetzes geeinigt haben, um Lohndiskriminierung zu bekämpfen. Seine volle Wirkung wird dieses Gesetz jedoch nur entfalten, wenn es geeignete Sanktionsmechanismen gibt, die Unternehmen gegebenenfalls empfindlich bestrafen. Ebenfalls muss über die Anwendung von Anreizmechanismen finanzieller Art, zum Beispiel bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen, nachgedacht werden.

Keine Anreize für Einverdiener-Haushalte schaffen

Aufgrund steuerlicher Anreize und der Ausgestaltung der Sozialversicherungssysteme ist es für viele Familien ökonomisch sinnvoller, wenn ein Partner zu Hause bleibt während der andere arbeiten geht. Dies möchten wir ändern. Prominenteste Beispiele sind das Ehegattensplitting und die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnerinnen und Ehepartnern in der Krankenversicherung. Wir möchten stattdessen eine Familienförderung, die dort Vorteile bringt, wo ein Kind lebt. Dabei ist es egal, ob die Eltern verheiratet bzw. verpartnert sind oder nicht.

Minijobs münden kaum in sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse. In vielen Fällen stellt das Einkommen aus einem Minijob das einzige Erwerbseinkommen dar. Das gilt vor allem für Frauen. Die Einführung des Mindestlohns ist ein erster Schritt, um Minijobs auch für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber unattraktiv zu machen. Für uns ist klar: Sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse dürfen nicht in Minijobs umgewandelt werden. Missbrauch muss geahndet werden. Ebenfalls muss der volle Anspruch an Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerrechte auch für Minijobber gelten, und zwar auch in der Praxis. Wir fordern deshalb, dass diese Rechte explizit in die Arbeitsverträge aufgenommen werden.

Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur ausbauen

Für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind zuverlässige Betreuungseinrichtungen elementar. Die Einführung des Rechtsanspruches auf einen Betreuungsplatz für unter Dreijährige stellt insofern eine große Entlastung für berufstätige Eltern dar. Nun müssen die Betreuungsplätze konsequent ausgebaut werden. Für Eltern, die Schichtarbeit leisten, müssen 24h-Betreuungsangebote geschaffen werden. Dabei dürfen Eltern durch hohe Kita- und Kindergartengebühren nicht davon abgehalten werden, zu arbeiten. Langfristig muss deshalb die Kita- und Kindergartenbetreuung kostenfrei sein.

Die Ganztagesbetreuung von Kindern darf nicht mit dem Übertritt in die Schule enden. Der konsequente Ausbau der Ganztagesschulen ist deshalb unbedingt nötig.

Zeit für Familien

Je nach Lebensphase können Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unterschiedlich viel Zeit in ihre Berufstätigkeit investieren. Darauf müssen Unternehmen eingehen. Wir begrüßen den Vorstoß von Familienministerin Manuela Schwesig zur Einführung einer Familienarbeitszeit. Mit der Flexibilisierung des Elterngeldes durch das Elterngeld Plus wird ebenfalls stärker auf die Bedürfnisse von Eltern eingegangen.

Teilzeit bedeutet nämlich nicht automatisch „Halbzeit“; vollzeitnahe Teilzeitmodelle sind eine Möglichkeit, Beruf und familiäre Verpflichtungen zu verbinden. Häufig schränkt Teilzeitarbeit jedoch das berufliche Fortkommen ein. Umso wichtiger ist es, dass die gleichen Möglichkeiten zur Teilnahme an Weiterbildungen bestehen. Hierzu benötigt es auch einer Sensibilisierung der Eltern, weil diese häufig ihr Recht nicht kennen.

Pflege älterer Angehöriger

Es sind vor allem Frauen, die für die Pflege älterer Angehöriger zuständig sind. Derzeit haben sie zwar einen Anspruch auf Pflegeurlaub, die Lohnzahlung wird in dieser Zeit jedoch ausgesetzt. Wir fordern den Anspruch auf bezahlten Pflegeurlaub.

Gleichzeitig muss auch in der Pflege die Infrastruktur ausgebaut werden. Sowohl stationäre als auch mobile Pflegeeinrichtungen sind nötig, die flexibel auf die Anforderungen von Familien eingehen. Dabei ist darauf zu achten, dass die Pflege ausreichend finanziert ist. Die Vergütung und die Situation der Pflegekräfte sind zu verbessern. Wir fordern, gerade dieses Berufsfeld für alle Geschlechter attraktiver zu machen.

Frauen im öffentlichen Dienst in Baden-Württemberg

Im öffentlichen Dienst sind Frauen überrepräsentiert. Weil der Anteil der Frauen in Teilzeitbeschäftigung jedoch höher ist und Frauen selten in Führungspositionen anzutreffen sind, liegt ihr Durchschnittsverdienst 7% unter dem der Männer. Als Arbeitgeber ist es Aufgabe des Landes Baden-Württemberg, hier einzugreifen. Monitoringberichte sollen deshalb um genderrelevante Faktoren ergänzt werden.

Wir wollen, dass bei der Besetzung von Stellen das Kaskadenmodell angewendet wird und sich der Frauenanteil in einer Hierarchieebene am Frauenanteil in der darunter liegenden Hierarchieebene orientieren muss. Als Möglichkeit, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen, sehen wir die Einführung des Doppelbenennungsverfahrens, das in einigen Bundesländern bereits Anwendung findet. Die Aufnahme von Maßnahmen zur Frauenförderung in Zielvereinbarungen mit Führungskräften kann zu einer besseren Wirkung von Gleichstellungsgesetzen beitragen. Bewerbungsgespräche müssen immer unter dem Sechs-Augen-Prinzip geführt werden.

Gleichstellungsbeauftragte müssen mit mehr Entscheidungsgewalt ausgestattet werden. Im Falle von Diskriminierung müssen Sanktionsmechanismen greifen. Außerdem fordern wir, dass mehr Aufklärungsarbeit in den Bereichen Alltagssexismus und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geschieht.

Bei den anstehenden Gesetzesnovellierungen ist zu prüfen, inwiefern sie auch auf privatrechtliche Unternehmen in Staatseigentum ausgedehnt werden können.



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