Digitale Arbeit und Kreativberufe zukunftsfähig gestalten

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Online-Arbeit und digitale Kreativberufe zukunftsfähig gestalten

Prolog

Die Digitalisierung der Arbeit und damit Einzug in die Unternehmen stellt eine große Herausforderung an die Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Neue Formen der Arbeitsorganisation und Kommunikationswege in der Gesellschaft lassen neue Tätigkeitsprofile entstehen und bisherige Tätigkeitsfelder anwachsen. Der Bedarf an Online-Arbeit durch Web basierte Tools und die Pflege von social Media Auftritten der Unternehmen steigt. Digitale Kreativberufe, wie das Erstellen von Webseiten, Programmieren von Anwendungen, sowie Layout und Bildverarbeitung werden immer häufiger zu Nebenjobs, bereits im Schulalter, und spiegeln die hohe Neigung von besonders jungen Menschen im Umgang mit den digitalen Medien und Arbeitsmitteln.

Auf diese neuen Herausforderungen müssen wir reagieren. Gute Arbeit und die soziale Gerechtigkeit innerhalb eines Arbeitsverhältnisses sind keine Selbstverständlichkeit. Mit den folgenden Punkten möchten wir unsere Vision und Leitlinien in die Diskussion geben.

Verantwortung zur Gesundheit

Eine Tätigkeit die weder Betriebsstätte noch feste Arbeitszeiten kennt, lässt eine größt mögliche Mobilität und Flexibilität zu. Doch gerade hier liegt die Verantwortung von ArbeitgeberInnen ihre Mitarbeiter zu schützen. Neue Berufsfelder und Arbeitsweisen dürfen nicht dazu führen, dass die Gesundheit der einzelnen Menschen Schaden nimmt und anerkannte arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse unterlaufen werden.

Durch die ständige Erreichbarkeit über mobile Endgeräte, social Media und digitale Nachrichtendienste kann man nie seinen Arbeitsplatz verlassen. Es bedarf einer sehr hohen Selbstdisziplin und Bewusstsein über die eigenen Grenzen der MitarbeiterInnen, im wahrsten Sinne mal abschalten zu können. Multitasking, Arbeitsunterbrechungen und Leistungsdruck prägen zudem den Arbeitsalltag von vielen Menschen in der Selbstständigkeit.

Wir stehen für: • Die Jusos stehen für eine Kultur der Achtsamkeit und der eigenen Grenzen für ArbeitnehmerInnen und Selbstständige in einer digitalisierten Arbeitswelt ein. • Aufgaben für ArbeitnehmerInnen dürfen sich nicht an einer kompletter Ausbeutung der ArbeitnehmerInnen orientieren, sondern an einem Geschäftsmodell, das nicht zulässt, dass die Gesundheit Schaden nimmt. • Zielvorgaben als Führungsinstrument durch den/die ArbeitgeberInn und AuftraggeberInn von Selbstständigen dürfen nicht ausgereizt werden und falsche Anreize durch stetig steigende Zielvorgaben setzen. Selbstgefährdendes Leistungsverhalten muss unterbunden werden. • Wir befürworten Betriebsvereinbarungen zur Regulierung der Erreichbarkeit zum Schutz der ArbeitnehmerInnen. • Einen verbindlichen Arbeits- und Gesundheitsschutz für die Online-Arbeiten • Ergonomische Standards und Barrierefreiheit von Hard- und Software • Wir weisen auf Erkenntnisse einer gesunden Arbeitsausstattung und Ergonomie in Bezug auf Bildschirmarbeit und Büroarbeit hin. Diese müssen zum Selbstschutz auch für das mobile Arbeiten im Café, Zuhause und im Zug bestmöglich umgesetzt werden. Die Kosten der Ausstattung muss der Arbeitgeber tragen.

Entgrenzung von Arbeitszeit

Individuelle Lebenspläne verlangen nach individuellen Arbeitszeiten. Gerade Selbstständige in digitalen Kreativberufen reden selten über Freizeit. Wo ist die Grenze zwischen dem Chat mit Freunden und dem mit Kunden in den social Media? Flexibilisierung der Arbeitszeit darf nicht bedeuten das eine Entgrenzung der Arbeitszeit stattfindet. Dazu zählt nicht nur die maximale Tagesarbeitszeit, sondern auch die gemeinsame Arbeitszeit von Team und ArbeitnehmerInnen. Es darf durch eine Verschiebung der Arbeitszeiten keine soziale Ausgrenzung und grundsätzliche Alleinarbeit, zum Beispiel in den Abendstunden, durch einzelne ArbeitnehmerInnen stattfinden.


• Flexibilisierung der Arbeitszeitermöglicht einen individuell strukturierten Tagesablauf. Dies darf nicht in stillschweigender Schichtarbeit von einzelnen ArbeitnehmerInnen enden. • Vereinbarungen zu Präsenzphasen und individuelle Phasen fördern den sozialen Kontakt und stärken die Zusammenarbeit. Der Arbeitgeber hat bei der Bestimmung der Lage der Arbeitszeit die Interessen der ArbeitnehmerInnen angemessen zu berücksichtigen und sie auf Antrag zu hören. • Wir sprechen uns für die Regulierung durch Betriebsvereinbarungen zu Kontenmodelle, Langzeitkonten, Vertrauensarbeitszeiten und flexiblen Schichtsystemen aus. • Insolvenzschutz auch für flexible Arbeitszeitkonten • Eine ständige Ruf- und Arbeitsbereitschaft ohne Freizeit darf es nicht geben • Arbeitsleistungen in der Freizeit müssen vollständig als Arbeitszeit angesehen werden • Anerkennung der Dienstreisezeiten als Arbeitszeit • Rechtsanspruch auf befristete Teilzeit und Aufstockungsanspruch

Erweiterung des Arbeitsplatzes

Die mit der Digitalisierung von Arbeitsplätzen einhergehende Flexibilität, was den Ort der Arbeit angeht, bietet für ArbeitnehmerInnen offensichtlich viele Chancen. Damit ArbeitnehmerInnen diese auch wahrnehmen können, müssen Arbeitgeber dies ermöglichen. Oft wird ArbeitnehmerInnen, die von zu Hause aus arbeiten, pauschal unterstellt weniger motiviert und weniger produktiv zu sein - auch wenn Studien dies widerlegen!

Gleichzeitig erkennen wir, dass das Home Office für ArbeitnehmerInnen nicht nur Vorteile, sondern auch Risiken bringen kann. Natürlich verleitet es ArbeitnehmerInnen dazu, Arbeiten nach Feierabend noch "eben schnell" zu erledigen und in der Folge Arbeitgeber dazu, dies auch zu erwarten. Wir stehen für: • Eine generelle Anerkennung von Home Office als Arbeitsplatzmodell • Ein gesetzlich verankertes Recht auf Home Office unter Berücksichtigung der betrieblichen Interessen. • Rückkehrrecht auf einen betrieblichen Arbeitsplatz

Wie Entlohnen wir gute Arbeit?

Während mehrere Millionen ArbeitnehmerInnen durch die Einführung des Mindestlohns im Jahr 2015 vor Ausbeutung in einem zumindest gewissen Maß geschützt wurden, gilt dies für freiberuflich Arbeitende nicht. Existenzsorgen und Konkurrenzdruck begünstigen hier den Hang zur Selbstausbeutung. Auch FreiberuflerInnen müssen ein Recht auf Auszeiten haben. Dieses darf kein rein theoretisches sein, das real nicht existiert, weil die Verdrängung aus dem Geschäft droht. Ein digitaler Arbeitsplatz muss nicht an einen Raum gebunden sein. Diese Freiheit ermöglicht es - gerade in digitalen kreativen Berufen - Ideen dann umzusetzen, wenn sie da sind und Arbeit dann zu machen, wenn Zeit dafür ist. Gleichzeitig verschwimmt die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit, ein Hang zum Arbeit "nebenher erledigen" entsteht.

Wir stehen für:

• Arbeit muss grundsätzlich bezahlt werden. Arbeit, die außerhalb der regulären Arbeitszeit stattfindet, muss mindestens genauso hoch entlohnt werden wie Arbeit in einem festen Zeitfenster.

Diskriminierung in der Online-Arbeitswelt

Jede/r ArbeitnehmerInn hat das Recht sich vor Übergriffen, Mobbing und Diskriminierung zu schützen. In den klassischen Betrieben ist eine starke Interessenvertretung hier der erste Ansprechpartner. Gerade digitale Kreativberufe und Online-Arbeiten unterliegen nicht mehr dem Bild von klassischen Arbeitsplätzen in Betrieben, mit einer Interessensvertretung. Geistige Brandstiftung kann auch während der Arbeit stattfinden. Wohin wendet sich die/der Online-ArbeiterInn bei einen Shit Storm oder Hate Speech? Die Auseinandersetzung mit Facebook zu diesem Thema hat gezeigt, wie schwierig hier die Gesetzeslage ist. Die Selbstbestimmung der eigenen Daten und Nutzungsprofile von Online-Plattformen ist ein sensibler Punkt. Missbrauch und Überwachung im Unternehmen und von außen müssen unterbunden werden.

Wir stehen für: • Für eine Debattenkultur und gegen geistige Brandstiftung! • Unternehmen müssen sicherstellen, das auch den Betriebseigenen Plattformen Diskriminierung nicht geduldet und Foren moderiert werden. • Ein wirksamer Beschäftigungsdatenschutz muss endlich eigene Gesetzeslage werden • Notwendige Nutzungsprofile der ArbeitnehmerInnen müssen mit den Nutzerangaben vorher klar definiert und Vertraglich geregelt werden. • Die personenbezogenen Daten müssen gegen Missbrauch im Unternehmen und von außen geschützt werden. Es sind so wenig Daten durch das Unternehmen zu erheben und screening-Verfahren der MitarbeiterInnen zu verbieten.

Talent statt Ausbildung

Der Umgang mit digitalen Endgeräten und das Bearbeiten von Medien ist für die junge Generation selbstverständlich. Mit geringen Vorkenntnissen und einfachen Anwendungen lassen sich beeindruckende Arbeitsergebnisse erzielen. Dies ermöglicht einen individuell gestalteten Bildungsverlauf und Beruf Ausführung für nicht gelernte Berufe. Dennoch muss die digitale-Kompetenz weiterhin in den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen gefördert werden. Wer im einen Momentnoch als Freiberufler mit selbst angeeigneten Fähigkeiten arbeitet, kann im nächsten Moment, zum Beispiel familiären oder gesundheitlichen Gründen, gezwungen sein, die Selbstständigkeit aufzugeben. Es muss möglich sein, die tatsächlichen Fähigkeiten des Menschen anzuerkennen. Gleichzeitig bekommt in der Online- Arbeitswelt dem Lebenslangen Lernen eine wachsende Bedeutung zu. Angestellten sowie Selbstständigen muss die Möglichkeit gegeben werden, sich im gleichen Tempo weiter zu bilden! Gleichzeitig darf Weiterbildung kein Privileg für diejenigen sein, die es sich leisten können.

Wir stehen für: • Wer sich, auf welchem Weg auch immer, Fähigkeiten aneignet, muss auch die Möglichkeit bekommen, diese zu zertifizieren zu lassen. Beii annerkannten Weiterbildungsträgern. • Ausarbeitung der Eignung von formalen und informellen Kompetenzen in der Online-Arbeit und digitalen Kreativberufen. • Die Freistellung von ArbeitnehmerInnen zu Bildungszwecken bei Entgeltfortzahlung wobei Sabbaticals nicht unter Bildungszwecke fallen."


• Weiterbildungen mit anerkannten Zertifizierungen müssen im Bereich der digitalen Kreativberufe und Online-Arbeit ausgearbeitet und von den anerkannten Weiterbildungsträgern angeboten werden. Diese sind Abschlussorientiert zu planen. • Fachbezogenen Hochschulzugang für Menschen mit mindestens dreijähriger, abgeschlossener Berufsausbildung • Geförderte Bildungsteilzeit für Arbeitslose, Arbeitssuchende und Beschäftigte außerhalb von Festanstellungsverhältnissen • Informatik als Pflichtfach in den allgemeinbildenden Schulen, das ein grundsätzliches Verständnis für den Aufbau des Internets und die Funktionsweise von digitalen Geräten schafft. Darüber hinaus fordern wir eine stärkere Einbeziehung von Computerprogrammen in den anderen Unterrichtsfächern. • Aufnahme der digitalen Identität, als übergreifende Kompetenz in den Lehrplan • Technische Ausstattung zu Online-Arbeit und digitale Kreativberufe in den beruflichen Schulen

Sichere Verhältnisse

Das Arbeitsverhältnis ist ein schützenwertes Gut. Der gesetzliche Kündigungsschutz sichert ArbeitneherInnen ab und stellt für die ArbeitgeberInnen eine Übergangsfrist dar, gegebenenfalls neue Fachkräfte als Ersatz zu suchen. Wir sehen die Bestrebungen der Arbeitgeberverbände kritisch, die sachgrundlose Befristung von Arbeitsverhältnissen und Bestimmungen zum Kündigungsschutz aufzuweichen. Sollte es doch zu einer beschäftigungslosen Zeit kommen, in der sich Solo-Selbstständige nicht ordentlich absichern können, verlangt es unser Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit und Solidarität, das diese nicht durch das Netz von Sozial-, Kranken und Vorsorgeversicherung fallen.

Wir stehen für: • Keine Arbeitsverträge mit sachgrundlosen Befristungen • Soziale Absicherung zu einer Erwerbstätigen Versicherung an dem ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen paritätisch zu beteiligen sind. • Kapazitätsorientierte variable Arbeitszeit (KAVPZ) und Nullstundenverträge gehören nicht zu unserem Verständnis einer gerechten Flexibilisierung. Dauernde Abrufbereitschaft darf es nicht geben.

Solidarisierung der Branchen

Die Interessen von ArbeitnehmerInnen müssen da vertreten werden, wo diese Beschäftig sind und Arbeiten. Doch auch die steigende Anzahl von Solo- Selbstständigen wächst stetig und benötigen eine kollektive Interessenvertretung gegenüber von Auftragsgebern und kurzseitigen Arbeitgebern. Mit den digitalen Kommunikationswegen gestaltet sich die Zugangswege zu dem Mitarbeiter als schwierig. Gewerkschaften benötigen direkten Zugang zu allen Kommunikationsformen Arbeitsplätzen, auch zu den digitalen.

Wir stehen für: • Kollektive Zugangsrechte von Intranet und Unternehmensplattformen zur Kommunikation, entsprechend den bestehenden Zugangsrechten für Dienststellen • Öffnen der Gewerkschaften zu Mitgliedschaften für Solo-Selbstständige, wie es die IG Metall und ver.di bereits gemacht hat. • ArbeitnehmerInnen und Solo-Selbstständige dort mit Informationen versorgen wo sie diese sehen. Es müssen weitere Onlineplattformen für Bewertung, Beratung und Aufklärung im Netz zur Online-Arbeit und digitale Kreativberufen entstehen.

Die Jusos Baden-Württemberg erstellen eine Onlinepräsenz und eine Broschüre mit den Schwerpunkten unter "Wir stehen für“