Ausbildungssituation

Aus SPD Baden-Württemberg
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Beschluss des Juso-Landesausschusses vom 01. Juli 2007


Zusammenhänge erkennen, Handlungsdruck erhöhen – für einen ganzheitli-chen Ansatz bei der Berufsqualifizierung


Analyse:

Die derzeitige Situation auf dem Ausbildungsmarkt ist gekennzeichnet durch zu wenige Ausbildungsplätze. Darüber hinaus ist die Situation aber auch geprägt von nicht besetzten Ausbildungsplätzen, was unter anderem auf einen Mangel von ausreichend qualifizierten Jugendlichen zurückzuführen ist. Im Schuljahr 2004/2005 verließen 78.200 Jugendliche unqualifiziert die Schulen, davon befinden sich bundesweit rund 77.700 (2005/2006) Jugendliche in Maßnahmen der sog. Berufsvorbereitung (BVJ). Wir befinden uns momentan in einer Situati-on, in der die Schulen Jugendliche ohne die erforderliche Qualifikation auf den Ausbildungsmarkt entlassen, auf dem sie in Anbetracht der ansteigenden Anforderungen weitestgehend chancenlos sind. Um dieses Versäumnis zu beheben, werden sie nachträglich durch Maßnamen der Berufsvorbereitung geschleust, um sie entsprechend nachzuqualifizieren. Eine ab-surde Situation. Die Bilanz dieser Institution: Im Jahr 2005 haben exakt 7.882 von insgesamt 80.600 Jugendlichen, die sich im Jahr 2005 im Berufsvorbereitungsjahr befanden, auch tatsächlich eine Berufsausbildung begonnen. Das sind rund 9,8 Prozent.

Erfahrungen aus der Praxis haben gezeigt, dass sich die Schwierigkeiten mit nicht ausbildungsfähigen Jugendlichen einerseits aus der fachlichen Qualifikation ergeben, andererseits aber zu einem wesentlichen Teil auf mangelnde grundlegende Fähigkeiten, wie Pünktlichkeit, Kommunikationsfähigkeit, Zuverlässigkeit, aber auch auf mangelnde Kernkompetenzen, wie Lesen, Schreiben und Rechnen zurückzuführen sind. Verschiedene Projekte in einzelnen Bundesländern haben bereits gezeigt, dass durch eine intensive Betreuung solcher Jugendlicher die Ausbildungsfähigkeit hergestellt und eine Ausbildung erfolgreich aufgenommen werden kann.

Wir stehen im Bereich Ausbildung also vor einem dreifachen Problem, das sich aus einem eklatanten Mangel an Ausbildungsplätzen, schlechter fachlicher Qualifizierung Jugendlicher und mangelhafter Vermittlung grundlegender Fähigkeiten an die Jugendlichen zusammen-setzt. Darüber hinaus ergeben sich Probleme aus den Versuchen der Betriebe, die Ausbildung von Jugendlichen unter Gesichtspunkten der Kostenminimierung dahingehend für sich zu nutzen, dass sie reguläre Beschäftigungsverhältnisse durch Ausbildungsverhältnisse ersetzen – mit der Folge eines Rückgangs von regulären Arbeitsplätzen auf der einen und einem Qualitätsverlust der dualen Ausbildung auf der anderen Seite.


Diese Problemkonstellation erfordert einen entsprechenden Maßnahmen-Mix:


Ziele:

Wir können es nicht zulassen, dass Jugendliche in die Perspektivlosigkeit hineingeschickt werden. An dieser Stelle muss der Staat im Sinne eines jeden einzelnen, aber auch im Sinne des sozialen Friedens Verantwortung übernehmen. Essentiell notwendig für junge Menschen, am Anfang ihres Lebens ist es, eine Perspektive zu haben. Dies erkennen wir Jusos als wesentliches Element sozialer Sicherheit und Chancengerechtigkeit an.


Weg:

Aus diesem Grunde fordern wir:

- die verbindliche In-die-Pflicht-Nahme der Betriebe, was die Bereitstellung von Ausbildungsplätzen betrifft. Die Ausbildungsplatzumlage soll eingeführt werden.

- eine stärkere Förderung der Ausbildungsverbünde durch öffentliche Mittel. Diese Förderung soll an der Anzahl der Ausbildungsplätze festgemacht werden. Durch die Gelder des Europäischen Sozialfonds und des Jugendsofortprogramms sind die finanziellen Mittel für eine derartige Erhöhung der Förderung vorhanden und sollten deshalb auch ausgeschöpft werden.

- den Erhalt der dualen Ausbildungsstruktur und deren verstärkte Thematisierung auf europäischer Ebene. Die duale Ausbildung ist nicht nur deshalb zu befürworten, weil sie den Ausbildungsprozess dort stattfinden lässt, wo die Fachkräfte später gebraucht werden, in der Wirtschaft nämlich. Sie ist auch deshalb essentiell, weil sie den Auszubildenden unmittelbar in Arbeitsalltag und -abläufe einbindet, insofern also unmittelbar an die (Lebens-) Praxis anknüpft. Offenbar hat Deutschland es bisher versäumt, dies auch im europäischen Kontext zu thematisieren.

- den Ausbau der Verbundsausbildung anzubieten, um allen klein- und mittelständischen Unternehmen die Möglichkeit zu geben Ausbildungsplätze anzubieten

- Die Arbeitsvermittlungstätigkeit im Bereich des ALG II muss vollständig auf die kommunale Ebene verlegt werden. Die bisherigen Modellprojekte haben eine entspre-chende positive Bilanz ergeben, so dass davon ausgegangen werden muss, dass die Vermittlungstätigkeiten vor Ort in der Kommune die größten Erfolge erzielen.

- intensive Vernetzung von Schulen und Betrieben. Die Ausbildung an allgemein bildenden Schulen ist thematisch und tatsächlich stärker auf das spätere Berufsleben auszurichten.

- die Einführung eines effektiven Monitorings durch die zuständigen Kammern, im Zuge dessen, die Qualität der Ausbildung überwacht werden soll. Um zu vermeiden, dass vollwertig qualifizierte Arbeitnehmer aus Kostengründen durch Auszubildende ersetzt werden, ist Sorge dafür zu tragen, dass tatsächlich die qualitativ hochwertige Ausbildung der Jugendlichen im Vordergrund steht.

- Angemessene Sanktionen für Betriebe, die aus Kostengründen aus den o.g. Beweggründen auf qualitativ niedrigem Niveau weit über Bedarf ausbilden

- Das Instrument der Berufsvorbereitung ist umzugestalten. Eigentliches Ziel dieser Institution ist die Weiterqualifizierung Jugendlicher im Sinne der Ausbildungsfähigkeit. Dieses Ziel wird weitestgehend verfehlt. Um den Berufsvorbereitungsjahren u.ä. wieder eine Funktion zukommen zu lassen, sind sie zukünftig zu intensiv pädagogisch, psychologisch und fachlich betreuten Förderprojekten auszubauen.

- Die Berufvorbereitung ist in einem ersten Schritt so auszugestalten, dass an ihrem Ende tatsächlich ein Ausbildungsverhältnis steht. Nur so erfüllt sie ihren originären Zweck. Eine intensive Kooperation mit den örtlichen Betrieben ist hierfür unabding-bar.

- die konsequente Umbildung des dreigliedrigen Schulsystems hin zu einer Gemeinschaftsschule mit einer Lernzeit von 10 Jahren, die das Qualifikationsniveau der jetzi-gen HauptschülerInnen massiv anhebt. Flankierend ist ein ganzheitliches Ganztagsschulkonzept unabdingbar, um sowohl fachliche, wie auch soziale Schlüsselkompetenzen zu vermitteln. Hierzu gehört für uns als wesentlicher Aspekt der Ausbau der Schulsozialarbeit.


Finanzierung:

Solange die Schulsysteme es offenbar nicht leisten können, adäquat sozial und fachlich qualifizierte Jugendliche auszubilden, ist der Staat in der Verantwortung. Insofern sind die mit der Umgestaltung der Berufsvorbereitung verbundenen Kosten zwar nicht von der Hand zu weisen, jedoch über einen entsprechenden konsequenten Umbau des Schulsystems mittelfristig zu verringern. In diesem Sinne ist die Professionalisierung der Berufsvorbereitung im oben dargestellten Sinne bundeseinheitlich verpflichtend zu regeln und sind die damit verbundenen Kosten bei den Ländern anzusiedeln. Die Länder müssen in Zukunft vor der Wahl stehen, ob sie Jugendliche kostenintensiv nachqualifizieren wollen oder ob sie von Anfang an für eine entsprechende Qualifizierung aller Jugendlichen in ein ganzheitliches Bildungssystem investieren.