Auf Dauer schlauer! – Für einen Kurswechsel in der Schulpolitik

Aus SPD Baden-Württemberg
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Beschluss der Juso-Landesdelegiertenkonferenz 2003 vom 14. bis zum 16. März 2003 in Bühl


Das Schulsystem in Baden-Württemberg weist in vielen Bereichen dringenden Reformbedarf auf. Die Debatte um die Ergebnisse verschiedener Schulstudien wie PISA und TIMMS haben die Diskussion über eine zukunftsfähige Schulpolitik wieder in die breite Öffentlichkeit gerückt. Diese wird auch bei den kommenden Kommunal- und Landtagswahlen eine zentrale Rolle spielen. Neue Erkenntnisse haben den Fokus der Diskussion verändert, damit bietet sich für Jusos und SPD die Chance, die Kompetenzhoheit in dieser Diskussion zu, erobern die öffentliche Debatte durch neue und innovative Ideen zu bestimmen.

Dieser Antrag soll kein bildungspolitisches Grundsatzprogramm sein, vielmehr wollen wir aufzeigen, was nach einer Regierungsübernahme der SPD in Baden-Württemberg 2006 getan werden kann und muss, um eine nachhaltige Verbesserung unseres Schulsystems einzuleiten. Ein Blick in andere Bundesländer zeigt uns, dass neue Wege wie die Einführung der „Selbständigen Schule“ in Niedersachsen schnell und unkompliziert gegangen werden können, wenn der politische Wille vorhanden ist. Es muss uns im Hinblick auf die Landtagswahlen 2006 gelingen, Themen zu setzen und den Menschen durch fundierte und realisierbare Vorschläge die bildungspolitische Kompetenz der Sozialdemokratie zu verdeutlichen.


1. Unser Verständnis von Schule und schulischer Bildung

Wir verstehen Schule als soziales System, das sich aus den schulischen Handlungen der beteiligten Menschen bildet. Mit Handlungen ist hier Kommunikation im weitesten Sinne gemeint. Somit verstehen wir Schule als lebendige und lernende Organisation.

Schulische Bildung soll Menschen befähigen, ihren Verstand kritisch zu gebrauchen, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und sich ihren Vorstellungen entsprechend einzubringen.

Schulische Bildung ist jedoch nicht nur Grundlage für die kulturelle und soziale Entwicklung des Einzelnen und der Gesellschaft, sie ist auch aus ökonomischer Sicht von großer Bedeutung. Gut ausgebildete Menschen sind die einzige Ressource, auf die Baden-Württemberg zurückgreifen kann. Diese beiden Aspekte verbieten es, an der schulischen Bildung zu sparen und machen eine gute Bildungspolitik zu einer der dringlichsten Aufgaben des politischen Handelns.

Schule ist für die persönliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen von überragender Bedeutung, gleichzeitig entscheidet sie über ihre gesellschaftlichen Chancen und Perspektiven.

Schule funktioniert für uns nach dem Prinzip der Chancengleichheit. Dies bedeutet Gleichheit in den Startchancen und nicht im Ergebnis. Schule ist für uns das Zusammenspiel aus Fördern und Fordern. Jedes Kind hat das Recht in der Schule die optimale individuelle Förderung orientiert an seinen Fähigkeiten und jenseits von sozialer oder ethnischer Herkunft und seines Geschlechts zu erhalten. Schule soll durchlässig sein und dafür sorgen, dass alle Schüler entsprechend ihrer Möglichkeiten zumindest einen mittleren berufsqualifizierenden Abschluss erhalten oder einen solchen in einem Kerngebiet bekommen, damit die berufliche Entwicklung nicht völlig verhindert wird. Grundsätzlich soll die Quote höherer Abschlüsse durch frühzeitige individuelle Förderung der einzelnen Schüler erhöht werden.

Schulen sollen sich den veränderten Lebenswirklichkeiten junger Menschen anpassen und diese in die Lage versetzen, sich in einer rasant entwickelnden Arbeitswelt zu Recht zu finden. Lernen in der Informationsgesellschaft kann nicht länger nach einem Muster organisiert werden, das seit Jahrzehnten besteht und kaum grundlegend reformiert wurde. Lernen soll sich vom statischen Faktenlernen zu mehr Flexibilität entwickeln und Menschen in die Lage versetzen, ihre Bildung selbständig auf einem aktuellen Stand zu halten.

Schule muss ethische Grundwerte vermitteln. Defizite der Schüler im sozialen Bereich muss sie bei Bedarf kompensieren. Für das nötige zielorientiert ausgebildete Personal muss gesorgt werden. Die Erziehung, eine Aufgabe der Eltern, darf Schule nur in Ausnahmefällen übernehmen. Eigenschaften wie die Fähigkeit zur Kommunikation, zum sozialen Miteinander und andere soziale Kompetenzen werden verstärkt in der Schule vermittelt werden. Die deutliche Ergänzung des schulischen Bildungsauftrages um diese soziale Komponente macht Bildung, Erziehung und Betreuung für die Zukunft untrennbar.


2. Unsere Forderungen an eine zukunftsfähige Schulpolitik

Schulische Bildung in Baden-Württemberg muss international ein Spitzenniveau erreichen, ohne dabei ihre soziale Funktion für die Gesellschaft und den Einzelnen zu vernachlässigen. Jede schulpolitische Maßnahme muss sich an folgenden Prinzipien orientieren:

1. Individualisierung und Wertschätzung von Vielfalt der Lernenden

2. Gender Mainstreaming

3. Professionalisierung der am Schulsystem Beteiligten und der schulischen Prozesse

4. Förderung von Selbstbestimmung und Demokratisierung der pädagogischen und finanziellen Kompetenzen von Schule

Wir sehen Reformbedarf in folgenden Bereichen:

1. Schulsystem

2. Zuständigkeiten für Bildung und Betreuung

3. Bildungsfinanzierung und Einsatz dieser Mittel

4. Frühkindliche Bildung

5. Schulalltag, Unterricht, Lehrerrolle

6. Leistungsüberprüfung und -bewertung

7. Schulische Mitbestimmung

8. Lehrer- und Erzieherausbildung

9. Evaluationskultur


2.1 Auf Dauer schlauer – Gemeinsam lernen und individuell fördern

Die Nachteile des dreigliedrigen Schulsystems sind vielfältig. Es ist Hauptursache dafür, dass Schule gesellschaftliche Verhältnisse reproduziert und nicht überwindet. Es verfolgt eine Strategie der Ausgrenzung anstelle einer integrativen Pädagogik, welche vor allem – aber nicht nur – beim sozialen Lernen deutlich höhere Erfolge aufzuweisen hat. Ziel muss es sein, die Zeit, in der Schüler gemeinsam lernen, zu verlängern.

Deswegen führt Baden-Württemberg die sechsjährige Grundschule ein. Ziel ist es, die Entscheidung für einen Schulabschluss möglichst lange offen zu halten, um der individuellen Entwicklung der einzelnen Schüler zu entsprechen. Die Grundschule verfügt über eine jahrgangsübergreifende Eingangstufe, die von den Schülern in einem Jahr, in eineinhalb oder in zwei Jahren durchlaufen werden kann. Diese soll flächendeckend eingeführt werden. Der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule ist zwischen dem fünften und sechsten Lebensjahr möglich und kann auch zum Halbjahr erfolgen.

In einem ersten Schritt zur Basisschule wollen wir Haupt- und Realschulen zu Regionalschulen zusammenlegen, das Schulsystem also zweigliedrig gestalten. Sie legen in ihrem pädagogischen Profil fest, ob sie binnendifferenziert unterrichten oder ob sie in manchen Fächern leistungsdifferenzierte Kurse anbieten. Die Regionalschule führt generell nach der 9. Klasse zum Hauptschul- und nach der 10. Klasse zum Realschulabschluss. Darüber hinaus kann nach der 10. Klasse eine Übergangsberechtigung für die gymnasiale Oberstufe erteilt werden. Um den Übergang zu den allgemein bildenden Gymnasien zu erleichtern, müssen die Schüler die Möglichkeit haben, eine zweite Fremdsprache zu wählen. Die Regionen erhalten die Möglichkeit, auch sofort alle drei weiterführenden Schularten innerhalb einer Schule zusammen zu fassen.

Die Regionen legen in Abstimmung mit den Kommunen den Bedarf an den jeweiligen Schultypen fest. Langfristig ist es unser Ziel, die gemeinsame Lernzeit noch deutlich zu verlängern und eine eingliedrige Basisschule einzurichten, die nach dem zehnten Schuljahr zu einem mittleren Abschluss für alle Schüler führt und im Anschluss mehrere Wege der weiteren Schulbildung (Duale Berufsausbildung, Fachhochschulreife, fachgebundene und allgemeine Hochschulreife) aufweist. Schüler, die dennoch die erforderlichen Leistungen nicht erbringen können, müssen in eine berufliche Vorbereitung überführt werden.

In Baden-Württemberg soll schnellstmöglich eine flächendeckende Ganztagsbetreuung aufgebaut werden. Dabei soll es zwei Typen von Ganztagsschulen geben:

a) Schulen mit verpflichtendem Ganztagesbetrieb, die Unterricht, Freiarbeitszeit und Freizeitgestaltung auf den ganzen Tag verteilen, gemeinsame Mahlzeiten

b) Schulen, die den Unterricht schwerpunktmäßig am Vormittag organisieren, zu den Kernzeiten aber Betreuung bieten

Der Schulbeginn funktioniert nach einer Art Gleitzeit und orientiert sich am Alter der Kinder. Kernunterrichtszeit ist ab neun, Betreuung wird ab sieben Uhr angeboten. Der Fächerkanon an Schulen gliedert sich in einen Wahl- und einen Pflichtbereich. Zu Beginn der Schulzeit sind die Wahlmöglichkeiten gering und steigen im Laufe der Schuljahre zu Ungunsten des Pflichtbereichs an.


2.2 Viele Köche verderben den Brei – Bündelung von Zuständigkeiten und strukturelle Vereinfachungen

Zuständigkeiten im Schulwesen sollen sich am Prinzip der Subsidiarität orientieren. Innerhalb eines gesetzlichen Rahmens sollen die untersten Ebenen, also einzelne oder mehrere Schulen, ihre Organisation selbst regeln können.

In der Hoheit der Länder steht die Erstellung von Rahmenlehrplänen, die jedoch deutlich in ihrem Umfang reduziert werden. Schwerpunkt dieser Pläne sind Bildungsziele und nicht der Weg dorthin.

Da Bildung und Betreuung für uns nicht trennbar sind, wird die Rahmengesetzgebung der Kinderbetreuung dem Kultusministerium zugeteilt. Ihre Ausgestaltung erfolgt auf kommunaler Ebene, in deren Hand auch die Trägerschaft für Kindergärten verbleibt.

Schulträger für die Grundschulen sind weiterhin die Kommunen. Nach einer Reform der baden-württembergischen Verwaltung mit dem Ziel eines dreistufigen Verwaltungsaufbaus und der Bündelung der Kompetenzen von Landkreisen und Regierungspräsidien, die nicht direkt an die Kommunen delegiert werden können, in etwa acht bis zwölf Regionen, sollen diese Regionen Träger der weiterführenden Schulen und der Berufsschulen werden.

Die einzelne Schule ist für die Gestaltung ihres Tagesablaufes zuständig. Sie orientiert sich an den vom Land vorgegebenen Rahmen und legt am Ende des Schuljahres Rechenschaft darüber ab. Schulen erhalten Freiräume in der Personal- und Organisationsentwicklung. Schulen verfügen über ein auf Basis der Schülerzahl bemessenes Globalbudget, wobei mit steigender Schülerzahl der Zuschuss pro Schüler abnimmt, in dem die Mittel des Schulträgers und des Landes zusammen fließen. Diese Mittel sind über Haushaltsjahre hinweg übertragbar.

Schulen erarbeiten unter Einbeziehung aller am Schulleben Beteiligten ein pädagogisches Profil und geben sich (Aus-)Bildungsschwerpunkte.


2.3 Guter Rat ist teuer – Mehr Geld besser einsetzen

Die Finanzierung des Schulwesens ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Mittel im Bildungshaushalt dürfen nicht länger vorrangig als Kosten angesehen werden. Es sind Investitionen in die Zukunft unseres Landes und seiner Menschen. Durch Bürokratieabbau soll Geld frei werden für die Erfüllung originärer Bildungsaufgaben.

Damit sowohl Länder als auch Kommunen in der Lage sind, diese Aufgaben zu meistern, müssen neue Finanzierungsquellen erschlossen werden. Auf der kommunalen Seite knüpfen wir unsere Erwartungen an eine durchschlagende Gemeindefinanzreform. Das Landeserziehungsgeld ist abzuschaffen und soll den Kommunen zum Ausbau der Kinderbetreuung zufließen. Um den Spielraum der Länder zu vergrößern und die Länder selbst entscheiden zu lassen, wie viel ihnen gute Bildung wert ist, schlagen wir eigenständige Ländersteuern vor. Insbesondere sollen solche Steuern in Eigenständigkeit der Länder erhoben werden, die ihnen jetzt bereits zustehen, wie zum Beispiel Vermögens-, Erbschafts- und KFZ-Steuer. Dies setzt eine Neuordnung des Länderfinanzausgleichs voraus. In diesem Zusammenhang fordern wir eine Reform der Erbschaftssteuer mit dem Ziel durch die Bewertung von Grundvermögen nach dem Verkehrswert das Aufkommen aus dieser Steuer deutlich zu erhöhen.

Wir stehen Public-Private-Partnerships und Schulsponsoring offen gegenüber, so lange dies keinen Einfluss auf die Gestaltung der Schulorganisation und der Unterrichtsinhalte hat. Die Schulträger haben die Aufgabe zu kontrollieren, ob die Firmen Einfluss ausüben. Genauere Richtlinien für den Umgang mit Fremdmitteln werden von den zuständigen Gemeinderäten bzw. Regionalparlamenten erlassen. Schulen, die eigenständig ihre Finanzmittel aufbessern, müssen diese bis zu einer festzulegenden Obergrenze nicht mit den Mitteln des Schulträgers verrechnen.


2.4 Was Hänschen nicht lernt... – In frühen Jahren das Fundament für gute Bildung legen

Die Grundlagen seiner Bildungskarriere legt der Mensch in den ersten Jahren seines Lebens.

Daher muss in einem ersten schnellen Schritt eine zentrale Anstrengung auf die frühkindliche Bildung gelegt werden. Die Bildungsinvestitionen im frühkindlichen Bereich werden deutlich gesteigert. Ihr Einsatz ist im Kindesalter wesentlich nachhaltiger und effizienter als in späteren Jahren. Gerade hier betreibt die baden-württembergische Landesregierung eine falsche und folgenschwere Politik.

Institutionalisierte Bildung setzt in Baden-Württemberg zu spät ein. Momentan hängt es von Faktoren wie elterlichem Engagement, dem sozialen Umfeld oder dem Glück einen vernünftigen Kindergarten zu besuchen ab, wie hoch das Bildungsniveau eines Kindes bei seiner Einschulung ist. Dieser Zustand schafft Ungleichheit in den Startchancen.

Betreuung für Kinder zwischen null und drei Jahren soll ausgebaut werden. In den Kommunen, in denen es dafür keinen ausreichenden Bedarf gibt, soll privat organisierte Betreuung durch Tagesmütter von den Kommunen unterstützt werden.

Kindergärten dienen der ganztägigen Kinderbetreuung und haben einen Bildungsauftrag. Sein Ziel ist die soziale, motorische, musische und sprachliche Förderung der Kinder sowie die Förderung und Herausbildung ihrer individuellen Begabungen und Interessen. Vor allem eine Sprachförderung für Kinder mit Sprachproblemen ist in Zukunft unabdingbar. Der Sprachunterricht soll im Rahmen des ordentlichen Kindergartenaufenthalts angeboten werden. Die Erzieher sollen entscheiden, welche Kinder, die von einem ausgebildeten Sprachpädagogen durchgeführt wird, erhalten sollen.

Der Sprachkurs, welcher in Kleingruppen stattfindet, soll mindestens einmal in der Woche angeboten werden. Neben dem Lerneffekt soll auch eine Gruppendynamik entstehen. Ebenso wichtig ist die Behandlung der kulturellen Hintergründe der Kursteilnehmer. Es gilt dabei kulturelle Unterschiede zu erkennen und Gemeinsamkeiten zu verdeutlichen. Kindergärten sind jedoch keine Vorschulen, deswegen muss Lernen im Kindergarten auf spielerische Weise funktionieren. Es darf nicht den Spaß am Lernen verderben, sondern muss vielmehr die Neugierde der Kinder und den Spaß am Lernen fördern.

Ab dem dritten Lebensjahr ist der Besuch von möglichst integrierten Kindergärten nach einer flexiblen Mindeststundenzahl verpflichtend. Dies darf nicht den Erziehungsauftrag und das Erziehungsrecht der Eltern beeinträchtigen. In einem Gespräch zwischen Eltern, Kindern und dem pädagogischen Personal wird fest gestellt, wie weit das Kind ist und es wird ein individueller Plan erstellt, in welchen Bereichen es Nachholbedarf hat. So kann schon frühzeitig beispielsweise die Sprachfähigkeit überprüft und ein eventueller Mangel bis zur Einschulung aufgearbeitet werden. Kindergärten sind ab dem dritten Lebensjahr gebührenfrei. Kosten, die für Betreuung vor dem dritten Lebensjahr anfallen, sind nach sozialen Gesichtspunkten zu treffen.


2.5 Wer, wie, was – Für ein neues Verständnis von Unterricht

2.5.1 Schulalltag

In der Gestaltung des außerunterrichtlichen Angebotes sind die lokalen Vereine und Verbände und die örtliche Jugendarbeit ein wichtiger Partner. Diese Zusammenarbeit darf jedoch nicht auf Kosten der vor Ort bestehenden offenen Jugendarbeit gehen. Wir sehen in der Einrichtung von Ganztagsschulen keine Konkurrenz zu außerschulischen Angeboten sondern eine Chance, diese zu stärken. Außerschulische Bildung hat einen hohen Stellenwert für die Entwicklung junger Menschen. Freizeitangebote müssen nicht zwangsläufig an der Schule stattfinden. Neben allen Angeboten muss der Schulalltag auch immer genügend Raum für Freizeit bieten, die Schüler selbst gestalten können.

Jede Schul soll über Sport- und Spielanlagen, Werk-, Medien- und Rückzugsräume verfügen, die von den Schülern auch eigenverantwortlich genutzt werden können.

Um Schüler besser auf ihre Berufswahl und die Arbeitswelt selbst vorzubereiten, werden Berufs- und Sozialpraktika verbindlich vorgeschrieben. Auch sollen Betriebs- und Werksbesichtigungen sowie „Berufstage“, bei denen Eltern ihre Berufe vorstellen, durchgeführt werden, um Kinder und Jugendliche schon frühzeitig an die Arbeitswelt heranzuführen. Hierbei arbeiten Schulen eng mit der regionalen Wirtschaft und den regionalen Sozialeinrichtungen zusammen.

Zur Mitgestaltung der Freizeitaktivitäten und zur sozialen Begleitung des Schulalltags werden an Schulen verstärkt Sozialarbeiter und Schulpsychologen beschäftigt.

2.5.2 Unterricht

Unterricht muss freier gestaltbar sein. Die Verpflichtung zum 45-Minuten-Takt wird abgeschafft. Wir setzen auf handlungs-, problem- und projektorientierten Unterricht. Innerhalb der Kurse sollen differenzierte Angebote mit dem Ziel der Integration und nicht der Isolation gemacht werden.

Unterrichtsinhalte gehen weg vom reproduzierenden Faktenlernen hin zum selbstgesteuerten und kooperativen methodischen Lernen. Methoden können jedoch nie losgelöst von Inhalten vermittelt werden.

Neben der Vermittlung eines Grundstocks elementaren Wissens ist vor allem die Fähigkeit zum selbständigen Erschließen von Inhalten und dem Verständnis übertragbarer Zusammenhänge Ziel des Unterrichts. Schüler sollen Unterrichtsinhalte mitgestalten und beispielsweise gemeinsam mit anderen in sozialen Fragen und Zusammenhängen problemorientiert zusammenarbeiten können. Landesweit soll das Fach LER (Lebensgestaltung, Ethik, Religion) angeboten werden.

2.5.3 Lehrerrolle

Wenn sich Schule verändert, müssen sich auch die Rolle und das Selbstverständnis der Lehrer ändern. Lehrer müssen den Anforderungen an eine zukunftsfähige Schule gerecht werden. Sie müssen ihre Kompetenzen für die Moderation von Lernprozessen ausbauen. Lehrer sind nicht nur für die Gestaltung ihres eigenen Unterrichts verantwortlich, sie gestalten den kompletten Schulalltag mit und erhöhen somit ihre pädagogische Verantwortung.

Wir fordern Präsenzpflicht für Lehrer, die sich an der Arbeitszeit im öffentlichen Dienst orientiert. Lehrer sollen einen eigenen Arbeitsplatz in der Schule erhalten, um dort die Unterrichtsvor- und Nachbereitung vornehmen und gleichzeitig für ihre Schüler ansprechbar sein zu können. Schulen sollen Lehrer-, Unterrichts- und Arbeitszimmer zur Verfügung stellen. Lernräume müssen flexibel gestaltbar sein.

Der Beamtenstatus für Lehrer soll abgeschafft werden. Die Bezahlung der Lehrer soll sich stärker an ihrer Leistung orientieren. Lehrer sollen ein Grundgehalt bekommen, das durch ein Bonus-System ergänzt wird. Dabei setzen wir nicht nur auf materielle Anreize. Durch die unmittelbare Einstellung der Lehrer durch die Schule erhöht sich die Attraktivität beispielsweise von Zertifikaten.

Lehrer haben eine Pflicht zur, aber auch ein Recht auf pädagogische/n, methodische/n und fachliche/n Weiterbildung. Das bedeutet, dass Schulen und Regionen entsprechende Angebote machen müssen. Es sollen Weiterbildungskonten eingerichtet werden, die gleichzeitig die Weiterbildung dokumentieren sollen.


2.6 Man hat’s nicht leicht, aber leicht hat’s einen – Für mehr Gerechtigkeit in der Leistungsüberprüfung

Die derzeit fast ausschließlich kognitive Leistungsüberprüfung muss ersetzt werden durch eine Vielfalt an Prüfungsmethoden, deren Auswahl Schüler mit beeinflussen können. Dies können Projekte, Hausarbeiten, Vorträge etc. sein.

In die Bewertung darf nicht nur das Ergebnis einfließen, auch die individuelle Entwicklung und die jeweilige Selbsteinschätzung innerhalb des Bildungsprozesses muss berücksichtigt werden. Dabei werden nicht nur fachspezifische Leistungen erfasst, sondern auch so genannte „soft skills“ mit aufgenommen, um beispielsweise soziale und methodische Kompetenzen zu belegen. In den Zeugnissen der Schüler soll verstärkt auch ehrenamtliches Engagement, welches auch außerhalb der Schule stattfinden kann, eingetragen werden.

Sitzenbleiben soll zu einem Ausnahmefall werden und nur in besonderen Härtefällen angewandt werden. Durch frühzeitige Diagnose und Förderung (z.B. Nachhilfe durch ältere Schüler, Ferienschule etc.) sollen Lücken geschlossen werden, ohne dass das Wiederholen eines kompletten Schuljahres nötig ist. Neben einem breiten und differenzierten Nachhilfesystem soll es für die besonderen Begabungen von Schülern auch ein intensives Fördersystem mit weiterführenden Angeboten geben. Bei Finanzknappheit hat das Nachhilfesystem jedoch Vorrang.


2.7 Mehr Demokratie wagen! – Für eine bessere Mitbestimmung in Schulen

Langfristiges Ziel muss die Demokratisierung des Unterrichts, der Schule und des Schulsystems sein, die bei Weitem über das hinausgeht, was den Schülervertretungen bisher zugestanden wurde. Mehr Demokratie in der Schule bedeutet, dass Schüler Demokratie nicht nur vorgetäuscht bekommen, sondern tatsächlich sehr früh in Entscheidungsprozesse miteinbezogen werden.

Dies bedeutet eine faktische Umsetzung der Unterstützung der SMV vor Ort wie es im Schulgesetz Baden-Württemberg und in der SMV Verordnung vorgesehen ist.

Zudem soll die SMV (Schülermitverantwortung) in SV (Schülervertretung) umbenannt werden, um die Gleichberechtigung der Schülervertretung gegenüber den anderen am Schulleben beteiligten Parteien zu unterstreichen.

Der Schülervertretung muss ein eigener, selbstverwalteter Raum im Schulgebäude zugeteilt werden, der den Bedürfnissen ihrer Arbeit gerecht wird. Die Schülervertretungen sollen das Recht erhalten, in dem für Schulpolitik zuständigen Ausschuss der kommunalen Parlamente bei Entscheidungen die eigene Schule und Schülerschaft betreffend zu sprechen.

Die Lehrer, die von der Schülerschaft als Verbindungspersonen und Vertrauenspersonen gewählt wurden, sollen speziell hierfür konzipierte Fortbildungen besuchen, die dann auf Ihrem „Weiterbildungskonto“ angerechnet werden können.

Wir fordern eine Stunde pro Woche, die fest in der Stundentafel und dann auch im Stundenplan festgeschrieben ist, in denen Schüler, die Möglichkeit haben über aktuelle Anliegen der Unterrichtsplanung, der Klasse und der Schule zu beraten und in denen der Schülerrat und die SMV über ihre Arbeit berichten. Die Stundenpläne sind so zu gestalten, dass eine Randstunde bei allen Klassen für SMV Tätigkeit frei bleibt. Welche Angebote in dieser Zeit gemacht werden, liegt in den Händen der Schüler.

Die Schulkonferenz muss aufgewertet werden, in dem sie mehr Kompetenzen erhält und drittelparitätisch besetzt wird. Der Schulträger nimmt mit beratender Stimme an den Sitzungen teil.


2.8 Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – Reform der Lehrer- und Erzieherausbildung als Voraussetzung für eine zukunftsfähige Schule

Um unsere Vorstellungen von einem zukunftsfähigen Bildungssystem in die Realität umsetzen zu können, muss neben der Schaffung der politischen Rahmenbedingungen mit einem gewissen Vorlauf die Lehrer- und Erzieherausbildung reformiert werden. Diese ist so auszugestalten, dass sie Lehrer und Erzieher in die Lage versetzt, die von uns formulierten Anforderungen an Bildung und Betreuung zu erfüllen. Dafür muss die Ausbildung für Erzieher und Lehrer im Primärbereich aufgewertet werden.

Lehrer für alle Schularten sollen an einer Hochschule studieren, wobei lediglich die unterschiedlichen Schulstufen in Module gegliedert werden. Die Gehaltsstufen zwischen allen Absolventen sollen angeglichen werden. Die strikte Trennung von theoretischer und praktischer Ausbildung wird aufgehoben, generell soll die Ausbildung praxisbezogener werden. Durch einen modulartigen Studienaufbau können Aus- und Weiterbildung aufeinander abgestimmt und miteinander koordiniert werden. Langfristig soll die gesamte Lehrer- und Erzieherausbildung an gemeinsamen Hochschulen stattfinden.

Es sollen „Elternschulen“ entstehen, die nach skandinavischem Vorbild und in Zusammenarbeit mit Volkshochschulen und anderen Bildungseinrichtungen Kurse, Seminare und Gesprächskreise zu den Themen Erziehung, Bildung, Kinder und Familie anbieten.


2.9 Karten auf den Tisch! – Qualitätssteigerung durch Evaluation

Schule als lebende und lernende Organisation muss in der Lage sein, auf gesellschaftliche Veränderungen flexibel reagieren zu können. Dafür ist eine ständige Kontrolle der Effektivität ihres Handelns erforderlich und eine daran anschließende Optimierung ihrer Prozesse. Dies kann vor Ort an den Schulen geschehen.

Von einem Wettbewerb zwischen den Bundesländern erwarten wir uns positive Effekte für die Qualität von Schule. Auf Basis der von einer unabhängigen Kommission auf Bundesebene zu erarbeitenden Bildungsziele wollen wir Bildungsmonitoring einführen, das die Schulpolitik der einzelnen Länder in regelmäßigen Abständen transparent und vergleichbar macht.