Altenheime zum offenen Lebensraum gestalten

Aus SPD Baden-Württemberg
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Beschluss des Juso-Landesausschuss am 16. September 2012 in Aalen

Die Jusos Baden-Württemberg bekennen sich dazu, dass Altenheime Wohn- und Lebensraume sind, die zur gesellschaftlichen Normalität des 21. Jahrhunderts gehören. Der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung hat sich zwischen 1953 und 2003 von 10,4 auf etwa 18 Prozent erhöht. Bis 2050 wird sich dieser Anteil je nach Schätzungen auf über 30 Prozent verdoppeln.


Altenheime dürfen nicht auf ihre Funktion der Pflege reduziert werden. Altern in Würde ist ein Recht, das jeder Person kraft ihrer menschlichen Natur zusteht und darf nicht zur Verhandlungsmasse werden.


Ein zentraler Faktor der diesen Zustand begünstigt ist es die entsprechenden Einrichtungen „zu öffnen“. Altenwohnheime, Altenheime und Altenpflegeheime sollen unserer sozialdemokratischen Überzeugung nach als offene Lebensräume gestaltet werden, soweit es den betroffenen Personen individuell körperlich möglich ist. Wir wollen uns dabei von dem Begriff der „totalen Institution“ abgrenzen, der besagt, dass die Institution alle Lebensumstände regelt. Wir kritisieren die heutige Praxis in vielen Altenheimen in denen die Personen als einheitliche Ware einer Dienstleistung angesehen werden. Die Individualität und Vielfalt muss alten Menschen auch in Altenheimen gewährt werden. Die Lösung kann dabei keine allgemeine Gleichbehandlung sein, weil sie den individuellen körperlichen und geistigen Fähigkeiten, Interessen und Neigungen der Personen nicht entspricht.


Die Jusos Baden-Württemberg fordern, dass hierfür offene Strukturen entwickelt werden, die eine dichte Vernetzung von Altenheimen mit anderen gesellschaftlichen Institutionen ermöglicht. Es müssen vor Ort in den Kommunen Konzepte entwickelt werden, wie die Kooperation von Altenheimen mit staatlichen Institutionen, Vereinen und anderen ehrenamtlichen Organisationen im Alltag stattfinden kann. Solche Kooperationen sollen im Alltag der Menschen stattfinden und sich keinesfalls auf einzelne „Festakte“ im Jahr als Placebo beschränken. Die Kooperationen müssen gelebt werden um eine Wirkung bei allen Betroffenen zu erzielen und um dabei das Altenheim in die gesellschaftlichen Strukturen einzubeziehen. Grundsätzlich plädieren wir dafür alle Teile der Gesellschaft in diesen Prozess einzugliedern. Angefangen bei A wie dem lokalen Ortsverein der Arbeiterwohlfahrt bis Z.


Wie wissenschaftliche Studien über die Konzeption von Pflegeinrichtungen herausgearbeitet haben, hat der Kontakt mit Kindern bei älteren Menschen eine besondere Wirkung. Es ist notwendig gerade im Bereich der Kinderbetreuung feste PartnerInnenschaften zu etablieren. Dabei müssen sowohl Kindergärten, Kindertagesstätten, Kinderkrippen, Ganztageseinrichtungen und sonstige Betreuungsangebote berücksichtigt werden. Durch die regelmäßige, gemeinsame Zeit von älteren Personen mit Kindern und Jugendlichen gewinnen die älteren Personen und Stück Familialität zurück. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass wir in unserer ausdifferenzierten Gesellschaft mit vielen unterschiedlichen Lebensstilen neue Formen des sozialen Miteinanders brauchen, die traditionelle Aufgaben der Familie übernehmen bzw. ergänzen. In der Praxis ist neben einer regelmäßigen Kooperation mit einer nahe gelegenen Kinderbetreuungseinrichtung die Möglichkeit einer Integration einer Kita im Altenheim selber denkbar.


Um solche Konzepte vor Ort zu entwickeln müssen den Kommunen entsprechende Finanzmittel von Bund und Ländern bereitgestellt werden.


Wenn wir es schaffen Altenheime zum offenen Lebensraum zu gestalten resultieren daraus zwei zentrale Vorteile.


1.) Durch die stärkere Verankerung der Altenheime in der Gesellschaft verbessert sich die Lebensqualität der Menschen im Altenheim. Durch den ständigen, vielfältigen und individuellen Austausch kann in einem besonderen Maße die Einsamkeit (negatives, subjektives Erleben des Alleinseins) und Isolation (objektiv messbarer Mangel an Sozialkontakten) bekämpft werden. Es ist zu beachten, dass verstärkt Menschen aus niedrigen sozialen Schichten von der Isolation betroffen sind und im Alter im Vergleich zu anderen Schichten häufiger an einem objektiven Mangel an sozialen Kontakten leiden. Damit diese Personengruppe nicht ausgegrenzt wird, braucht es niederschwellige Angebote und Anreizstrukturen von Seiten der Altenheime und den kooperierenden Gruppen.


2.) Auch die sonstige Bevölkerung profitiert von der Vernetzung von Altenheimen in ihre gesellschaftliche Realität. Sie schärft das Bewusstsein für verschiedenartige Lebenssituationen und Lebenserfahrung erhöht die gegenseitige Akzeptanz. Ältere Menschen die Unterstützung brauchen gehören zu unserer sozialen Realität. Eine Win-win-Situation!